Politmord

2. April 2003, 19:52
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Über Mirjana Markovic´ Schlüsselrolle schreibt Paul Lendvai in seiner Kolumne

Die folgende Geschichte könnte einem Shakespeare-Königsdrama oder, weniger pathetisch, auch einem Grisham-Krimi entspringen. Es geht hier um einen zutiefst symbolträchtigen Fall. Er bestätigt die jüngsten Warnungen der in Brüssel ansässigen "International Crisis Group": "Die Verbindung zwischen nationalistischen Elementen in Serbiens Polizei, Armee, politischer Elite, Staatssicherheit und organisierter Kriminalität ist die größte Bedrohung für die regionale Sicherheit auf dem Balkan." Zweieinhalb Jahre nach dem Sturz Milosevic' hat die Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Djindjic verspätet den entscheidenden Antrieb zur Abrechnung mit diesem abscheulichen System gegeben.

Am Anfang des Aufstieges von Milosevic stand Ivan Stambolic, dessen Leichenreste vor einer Woche, in einer Kalkgrube verscharrt, im Gebirge Fruska Gora in der Vojvodina geborgen wurden. Als Neffe eines der mächtigsten Parteiführer im titoistischen Jugoslawien wurde Stambolic Generaldirektor einer Staatsfirma, dann Ministerpräsident von Serbien, später Chef der serbischen Zweigpartei und schließlich Präsident Serbiens.

Schon an der Belgrader Universität mit diesem befreundet, hat Stambolic den um einige Jahre jüngeren Milosevic nicht nur gefördert, sondern ihn "wie einen Bruder geliebt". Milosevic wurde dank seiner Unterstützung Präsident der größten Belgrader Bank, später Chef der Belgrader Parteiorganisation und schließlich Vorsitzender der serbischen KP. Im Buch des Belgrader Journalisten S. Djukic ("Wie er Führer wurde") wurde in allen Einzelheiten der Verrat von Milosevic an seinem Freund und Gönner geschildert. Er spielte kaltblütig die nationalistische Karte aus und fegte bereits im September 1987 seinen Protektor aus dem Amt.

Stambolic war nämlich ein Gegner der serbischen Nationalisten und ein Anhänger von Titos Politik des Konsenses. Stambolic blieb auch entmachtet eine latente Gefahr für den Verräter. Er war einer der möglichen Gegenkandidaten für die Präsidentschaftswahl im Herbst 2000, als der Druck auf Milosevic immer stärker wurde. Im August 2000 verschwand Stambolic spurlos bei seinem täglichen Jogging in einem Belgrader Park.

Eine Schlüsselrolle spielte dabei Mirjana Markovic, die Ehefrau von Milosevic. Sie war die gefährliche Einflüsterin, die auch hinter anderen Attentaten gestanden sein soll. Nun sagten jene vier Angehörigen der "roten Barette", der gefürchteten Sondereinheit der serbischen Geheimpolizei, die damals Stambolic mit zwei Kopfschüssen ermordet hatten, bei ihren Verhören aus.

Den auf die Anweisung des damaligen Geheimdienstchefs und Innenministers ausgeführten Mord soll das Ehepaar Milosevic in Auftrag gegeben haben. Seit Juni 2001 sitzt Milosevic als mutmaßlicher Kriegsverbrecher in Den Haag ein. Doch Mirjana ist für die Justiz nicht greifbar. Sie besucht seit dem 23. Februar ihren in Moskau lebenden Sohn Marko. Die Mörder Stambolic' haben damals von dem noch flüchtigen Chef der Sondereinheit zusammen 100.000 Euro erhalten. Der Weg vom Verrat zum Mord an Stambolic wird nun vor aller Welt nachgezeichnet.

Wird Mirjana der Forderung nach sofortiger Rückkehr nachkommen oder wird sie mit internationalem Haftbefehl verfolgt? Wie reagiert die Moskauer Führung, die enge Kontakte mit dem Bruder Milosevic' pflegt, der lange jugoslawischer Botschafter in Moskau war? Unter den fast 2000 Verhafteten in Serbien sind auch Staatsanwälte und Richter, die mit den Mafiosi vom "Zemun"-Clan verbunden waren. Die Abrechnung mit dem mordverdächtigen Ehepaar eröffnet eines der düstersten Kapitel in der turbulenten Geschichte des Balkans.

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