Wind unter den Flügeln

3. April 2003, 17:49
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Bösendorfer ließ sich zum 175-Jahr-Jubiläum des Unternehmens einen prachtvollen Flügel von F.-A.-Porsche-Design komponieren

Bösendorfer ist eines jener majestätischen Traditionsunternehmen, derer sich Nationen in ihren Kulturportfolios so gerne rühmen. In diesen alten Betrieben hat sich Wissen und Know-how über die Jahrhunderte zu einer gewissen Magie verdichtet und ist zu einer Selbstverständlichkeit des Könnens geworden. Wenn in den alten Bösendorfer-Hallen in Wien aus tausenden Teilen Handgriff für Handgriff Klaviere zusammengesetzt werden, dann sind keine bloßen Handwerker am Werk, sondern Künstler und damit sozusagen Verbündete der späteren virtuosen Benutzer.

Nach 175 Jahren internationaler Kulturgeschichte zeigt sich diese Nobelwerkstatt für weltweit begehrte Spitzenpianos frisch, jung und innovativ. Das liegt nicht nur an der jugendlichen Kraft der Lehrlinge, die hier mit großer Sorgfalt in die vielen Geheimnisse des Klavierbauens eingeweiht werden, sondern auch am Unternehmensgeist, der bei aller Tradition das Zeitgenössische nicht aussparen will. Zum 175. Bösendorfer-Geburtstag, der im heurigen Jahr begangen wird, machten sich die Klavierbauer denn auch selbst ein meisterliches Geschenk, indem sie die Formgeber von F. A. Porsche aus Zell am See dazu einluden, dem Flügel ein neues Outfit zu verpassen.

Der Klang eines Bösendorfers, von Pianisten, Komponisten und Musikern wie Franz Liszt, Wilhelm Backhaus, Leonard Bernstein oder Oscar Peterson viel gerühmt, blieb der Gleiche. Die Form hingegen wurde raffiniert modifiziert, hier ein wenig geliftet, da ein wenig reduziert. Das Resultat ist ein schwarzmetallicglänzender Traum für jeden, der jemals den Flohwalzer beherrschte, oder, wie es Tory Amos in Sachen Bösendorfer-Klaviere ausdrückt "eine Kreatur, nicht nur ein Klavier".

Die Kreatur steht auf silbrigen, schlanken Beinen, was den Gesamteindruck des ansonsten so gravitätischen Instruments leicht und schwebend macht. Kleiner, feiner, zierlicher wirkt er, der neue Porsche-Bösendorfer, und das ist, bei den gleichbleibenden traditionellen Längen dieser Klaviere, nicht nur optischer Trick. Der Deckel zum Beispiel ist zwar schwer geblieben, wurde aber dünner ausgeführt. Per Knopfdruck schnalzt er mit jenem satten Klang auf, den ansonsten nur die Türen teurer Sportwägen beherrschen. Die Bänder, die ihn halten, bleiben unsichtbar, und auch das trägt dazu bei, dem Instrument eine gewisse Boliden-Schnittigkeit zu verleihen.

Alle Details, wie die Rollen an den Fuß- enden, die Pedale, das Notenpult, das Karnies, sprich die Tastenklappe, wurden neu durchdacht. Die zylindrischen Rollen und die Fußpedale sind aus Edelstahl gearbeitet - ein kleiner High-Tech-Touch in Präzisionsinstrumentästhetik. Das Karnies über der Tastatur ist ein ausgeklügeltes Kunstwerk für sich: Es verfügt über ein Gelenk und versinkt beim Öffnen, auf Schienen gleitend, im Klavierleib. Apropos Innenleben: Der Metallrahmen, der die Saitenspannung aufnimmt, ist im Gegensatz zu den Standard-Instrumenten ebenfalls silbrig gemacht, die Mechanik blieb selbstverständlich die altbewährt Gleiche.

Die Porsche-Designer verpassten dem Flügel jedoch nicht nur die neue Optik, sie überlegten sich auch allerhand schöne Details, die das Klavierspielen selbst ein wenig beeinflussen. So verfügt das elegante Porsche-Klavier etwa links und rechts vom Notenpult über zwei Pultschieber, die dann zum Einsatz kommen, wenn der satte Bösendorfer-Klang nur gedämpft erschallen soll. Je nach Öffnungsgrad darf das Instrument, respektive derjenige, dem darauf die Gnade des Klavierspielens zuteil wird, zeigen, was er und es können.

"Es gibt Klaviere", sagt zum berühmten Klang etwa Joe Zawinul lapidar, "und dann gibt es Bösendorfer." Für Axel Zwingenberger ist das Wiener Instrument "die Königsklasse des Klaviers". András Schiff vermeint "die fernen Stimmen von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert direkt zu uns" sprechen zu hören, und auch die Stimmen aus der jüngeren Vergangenheit tönen wohlklingend. Der Pianist Wilhelm Backhaus, der auf dem Instrument beethövliche Stürme zu entfachen vermochte, wenn sich anderswo nur Lüfterln regten, schrieb seinen Klavierproduzenten ins Stammbuch: "Ich sehe im Bösendorfer viel mehr als schlechthin nur ein prachtvolles Klavier, sondern für mich stellt er gemeinhin eine ideale Verkörperung von wienerischer Musikkultur dar."

Wienerisch ist Bösendorfer nach 35 Jahren gerade erst wieder geworden. Zuletzt stand die Firma im Besitz eines US-Unternehmens, zu Beginn 2002 übernahm die Bawag die Klavierbauer - als "Kulturinvestment mit patriotischer Note". Wer mehr über Technik, Geschichte und Mythos Bösendorfer erfahren will: Im Molden Verlag ist soeben unter dem Titel "Eine lebende Legende" eine Unternehmensbiographie erschienen, geschrieben von Johannes Kunz.(DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2003)

Von Ute Woltron

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boesendorfer.com
  • Artikelbild
    foto: boesendorfer
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