Kunst und Lebensqualität

3. April 2003, 11:14
posten

Dominanter Wien-Schwerpunkt durch Galerien und Sonderschau "Zugluft" bei der Kunst Zürich 2003

Vergangenes Wochenende ging die Kunst Zürich 2003 zu Ende. Zehn geladene Galerien aus Wien und die Sonderschau "Zugluft" ließen den Wien-Schwerpunkt recht dominant ausfallen.


Zürich - Laut einer Studie der Londoner Personalberaterfirma William Mercer erwartet einen in Zürich die welthöchste Lebensqualität. Platz zwei belegt, nur knapp dahinter, Wien. Für ein paar Tage haben die beiden sich zusammengetan, hat die Internationale Messe für Gegenwartskunst - Kunst 2003 Zürich - Wien zur Gaststadt erkoren, zehn Wiener Galerien mit Gratisständen zur - im Vergleich zu Basel jungen und überschaubaren - Schweizer Kunstmesse gelockt.

Und die Stadt Wien bedankte sich mit Zugluft, einer Sonderschau zum aktuellen Wiener Kunstgeschehen, die Brigitte Huck galeriefreundlich kuratierte. Und so geriet der Schwerpunkt schon fast zur Dominanz. Huck brachte drei Wien-Standards in die alte Fabrikshalle am Messegelände in Oerlikon - und deren mittelbare Folgen: Um Günter Brus' Wiener Spaziergang, Export/Weibels Mappe der Hundigkeit und Weibels legendären Wassergang mit Fernseher in der Lobau (Unendliche Anschauung) versammelte sie - wunderbar inszeniert von Markus Geiger - gut ein halbes Hundert Künstler mit forciertem Wien-Bezug um die Besonderheiten des zweitlebenswertesten Terrains an die weltmeisterlichen Schweizer zu bringen: Elke Krystufeks Bild vom Körper und der Schönbrunner Gloriette, der Gruppe G.R.A.M.s Bild vom Wiener Aktionismus, Herbert Brandls Bild der Malerei, Deutschbauer/Springs Erläuterung der österreichischen Innenpolitik, Franz Wests, Heimo Zobernigs oder Peter Koglers Interpretationen von Mobilar und Heimtextilien, Frenzi Riglings bedrohlicher Altkleiderbrei. Und natürlich Markus Geigers "Rote Secession" und Gerwald Rockenschaubs Bild von Adolf Loos aus der 100-Jahre-Secession-Jubelschau. Otto Mühl fehlt nicht, und Marco Lulic packt Wilhelm Reich, Wiener Discos und den serbischen Freie-Liebe-Klassiker WR: Mysteries of the Organism in einen Video-Loop. Werner Reiterer lässt eine heliumgefüllte Katze bis an die Hallendecke vorstoßen, versöhnt derart Raumfahrtgeschichte und Wiener Tierliebe. Hans Schabus schließlich paddelt zum Soundtrack vom Dritten Mann durchs Wiener Kanalsystem. Alles in allem: Wer in die Zugluft kam, weiß jetzt, was Wien so alles ausmacht.

Im kommerziellen Teil der Messe betonten die gut, weil wirklich repräsentativ gewählten Gäste - Charim, Klaus Engelhorn, Johannes Faber, Feichtner Mizrahi, Georg Kargl, Hans Knoll, Christine König (mit Malerei von Ed Clark und Stanley Whitney einer der schönsten Stände der Messe), Kunsthalle 8/Kunstbüro, Krobath Wimmer und Meyer/Kainer - dass sie nicht bloß feines Hausgemachtes in ihren Programmen führen, sondern keinen internationalen Angebotsvergleich zu scheuen brauchen.

Und erfuhren, was Wien dann doch entschieden von Zürich unterscheidet: eine Vernissage mit hoch kauffreudigen Sammlern. Neben den Wiener Gästen zeigte sich Lisi Hämmerle mit Gottfried Bechtolds Betonporsche II in Zürich. Die Kunstzeitschrift frame präsentierte Editionen von Michael Biberstein über Maurizio Nannucci bis Erwin Wurm. Die Dornbirner Galerie c.art stellte Gabriele Klocker, Andrea Pesendorfer und Victoria Coeln vor.

Neben dem insgesamt doch recht jungen Angebot gab es natürlich auch Klassische Moderne, Pop-Art und Nouveaux Réalisme. Eduardo Chillida fand sich bei Nothelfer aus Berlin, Max Bill in der Vaduzer Galerie am Lindenplatz. Rebecca Horn, Cy Twombly und Sam Francis bot das Zürcher Art Forum der Ute Barth. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.4.2003)

Von
Markus Mittringer

Link

kunstzuerich.ch
  • Die Bregenzer Galerie Lisi Hämmerle nutzte einen Förderstand, um 12,8 Tonnen Kunst, Gottfried Bechtolds "Betonporsche II, Crash 2001", zu zeigen.
    foto: galerie hämmerle

    Die Bregenzer Galerie Lisi Hämmerle nutzte einen Förderstand, um 12,8 Tonnen Kunst, Gottfried Bechtolds "Betonporsche II, Crash 2001", zu zeigen.

Share if you care.