Militärexperte: Vor Bagdad sind die US-Truppen derzeit noch zu schwach

2. April 2003, 17:37
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Warten auf den Einsatz der Speerspitze

Wien - Am 14. Tag des Kriegs im Irak bemühte sich das US-Verteidigungsministerium, den Eindruck zu erwecken, die Entscheidungsschlacht um Bagdad habe bereits begonnen. Diese Pentagon-Informationen will der Schweizer Militärexperte Albert A. Stahel von der Militärakademie der Universität Zürich aber nicht vorbehaltlos glauben.

"Die Meldungen vom bevorstehenden Sturm auf Bagdad sind ziemlich übertrieben. Wir müssen uns vor Augen halten, dass die 3. US-Infanteriedivision eine relativ kampfschwache Einheit ist. Sie muss mit ihren rund 20.000 Mann das Gebiet in ihrem Rücken sichern. Wenn es gut- geht, steht vielleicht ein einziges US-Bataillon vor Bagdad.

Bevor es vor Bagdad weitergehen kann, müssen noch Bombardierungen durchgeführt werden. Jetzt von einer Schlacht um Bagdad zu sprechen ist Unsinn", so Stahel.

Viel wichtiger für den Kampf um Bagdad sei, dass die 4. Mechanisierte US-Infanteriedivision in zwei bis vier Tagen Einsatzbereitschaft melde: "Diese US-Elitedivision wird die Speerspitze im Kampf um Bagdad." Derzeit werde noch deren Material in Kuwait entladen.

Trotzdem könne der Krieg noch Wochen andauern, glaubt der Schweizer Oberstleutnant: "Die US-Truppen sind nicht geschult im asymmetrischen Krieg. Grundsätzlich bedeutet der Begriff, dass ein Starker gegen einen Schwachen kämpft. Wenn der Schwache klug ist, nützt er die Schwächen des Starken aus: die langen Nachschubwege, Anfälligkeit für Anschläge, und Ausnutzung der Städte". Daraus resultiere ein Kleinkrieg gegen den übermächtigen Gegner. "Auf diese Art des Kriegs sind nur die US-Spezialeinheiten vorbereitet."

Von Serben gelernt

Saddam habe aus Kosovo-Krieg gelernt, wie man mit gegnerischer Luftüberlegenheit umgeht, analysiert Stahel: "Er verteilt seine Kräfte und hält sie in Deckung, sodass man die Truppen nicht von der Bevölkerung unterscheiden kann, das haben ihm die Serben beigebracht. In diesem klassischen Kleinkrieg kommt es zu großen Opferzahlen in der Bevölkerung."

Wenn nun Tausende Iraker heimreisen, um ihr Land gegen den Angreifer zu verteidigen, werde es sehr schwer werden, einen Krieg gegen ein Volk zu gewinnen. "Das kommt grundsätzlich auf die Struktur der Abwehr an, obwohl das Regime Saddams sicher besiegbar ist. Gelingt es den Amerikanern und Briten in der Nachkriegsphase nicht, die Bevölkerung für sich einzunehmen, dann muss man sehr bald wieder mit Widerstandsnestern rechnen."

An der Nordfront sei die Situation weiterhin unklar, auch aus Basra gebe es widersprüchliche Informationen, meint der Universitätsprofessor: "Man weiß nicht genau, wie weit die Briten effektiv in Basra vorgestoßen sind." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.4.2003)

Von Gerhard Plott
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