Fette Beute in der Kriegskasse

2. April 2003, 17:36
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Madonna sorgt wieder für einen Skandal

Wien - Dienstagfrüh konnte man das Video zu American Life, dem Appetitmacher für ihr Ende des Monats erscheinendes neues Album, noch auf MTV und Viva sehen. Am Nachmittag kam nach knapp 24-stündiger Heavy Rotation dieser "Weltpremiere" der Stopp. Madonna, die alte Großmeisterin der Provokation, zog die filmische Umsetzung ihrer Betrachtung über ihren eigenen Starstatus und den hohl gewordenen amerikanischen Traum mit sofortiger Wirkung zurück.

Es geht hier möglicherweise um eine seit Wochen vorbereitete und als Knalleffekt aufgebaute Marketingstrategie. Der 44-jährige US-Erregungsprofi soll hier im Rahmen eines Catwalks immerhin in Guerilla- Uniform zwischen defilierenden islamischen Kindern mit einer Handgranate gegen George W. Bush vorrücken.

Nach ihren in den letzten 20 Jahren unternommenen Rollenspielen als Heilige, Hure, Hexe, Vamp, Partyluder und zuletzt im Video zu What It Feels Like For A Girl als Amokläuferin kann man heute nur eines sagen: Operation gelungen. Der größte anzunehmende Werbeeffekt ist eingetreten.

Immerhin können jene, die das Video sehen durften, bis zum 22. April und einer mit ziemlicher Sicherheit später nachgeholten Veröffentlichung einer "unzensurierten" DVD-Version von American Life prächtig am Lagerfeuer dafür Mundpropaganda machen. Skandal hin oder her: Obszön ist das auf jeden Fall.

Zwei Tage auf Sendung dürften gereicht haben. Madonna macht nach den brennenden Kreuzen in ihrem Video Like A Prayer aus 1989, die sie damals einen millionenschweren Werbevertrag mit Pepsi kosteten, und dem MTV-Bann ihres "erotischen" Clips Justify My Love aus dem Jahr darauf jetzt zum dritten Mal kräftig Kasse mit außermusikalischen Mitteln. Ganz zu schweigen von ihrem Bildband Sex im Jahr 1992.

Wer das Video nicht gesehen hat: Für Madonnas Verhältnisse ist das Endergebnis des angeblich ohnehin schon von ihr freiwillig von ursprünglich zehn auf vier Minuten eingedampften Videos allerdings eher bescheiden.

MTV goes CNN

In unterirdischen Gängen tanzen dicke Frauen in Black- Panther-Montur. Madonna ritzt mit einem Nahkampf- Messer symbolträchtig "Protect me!" in eine Toilettenwand. Am Ende stürmt die Truppe unter Madonnas Führung in einem zum Schützenpanzer umfunktionierten Mini Cooper eine Modenschau. Und Madonna wirft einem Double von George W. Bush eine Handgranate zu. Die erweist sich als harmloses GI- Souvenir; als Tischfeuerzeug, mit dem sich "Bush" eine Zigarre anzündet. Dazwischen ästhetisierte Kriegsbilder von Marschflugkörpern und traurigen Kinderaugen. Nichts, was nicht aktuelle CNN-Spots zum Irakkrieg "künstlerisch" anders gelöst haben.

Möglicherweise verzapft Madonna jetzt in ihrem aktuellen Statement zur Zurücknahme des Videos allerdings nicht nur aus purer Berechnung Plattheiten. Etwa jene, dem bereits im Februar gedrehten Clip seien die "schlimmsten Szenen" wie "blutüberströmte Babys und Bombenopfer mit abgerissenen Gliedmaßen" vorsorglich freiwillig zum Opfer gefallen, "aus Respekt und Mitgefühl für die Soldaten im Krieg".

Madonna windet sich zwischen bekennendem US-Patriotismus als Ja-Nein-Vielleicht-Gegnerin von Bush, auf jeden Fall aber als solche von Saddam. Obwohl nicht vom Irak als solchem. Entschieden sei sie aber als selbst praktizierende Mutter gegen derzeit im Krieg anfallende Witwen und Waisen! Sie dürfte wegen ihres Schusses übers Ziel nervös geworden sein. Immerhin könnten bei so viel "unpatriotischem" Gehabe doch auch Gewinneinbrüche drohen.

Bereits vor Wochen musste sich die millionenschwere Countryband Dixie Chicks sehr schnell Richtung Weißes Haus entschuldigen. Deren Sängerin Natalie Maines sagte damals, sie sei "beschämt", dass der US-Präsident so wie sie aus Texas stamme. Wütende Proteste waren die Folge, ebenso wie 40-prozentige Umsatzeinbrüche ihrer Produkte.

Wie heißt es in American Life: "I'd like to express my extreme point of view, I'm not a Christian and I'm not a Jew. I'm just living out the American dream, and I just realised that nothing is what it seems." (DER STANDARD, Printausgabe, 3.4.2003)

Von
Christian Schachinger

Nachlese

Madonna zieht kritisches Video zurück

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