Die Schlacht gegen die brennende Wüste

2. April 2003, 18:20
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Die Ölfeuer im Südirak sind großteils gelöscht - Bereits in wenigen Wochen könnten wieder Hunderttausende Barrel gefördert werden

Aus dem Schlund der Hölle kommt dieses Feuer: wilde Flammen in grellem Orange, 30 mächtige Meter hoch, gekrönt von einem schwarzen Trichter, der das Blau des Himmel einzusaugen scheint. Eine schwere Hitze durchströmt die Umgebung, angetrieben vom Südwind, der von Zeit zu Zeit die Feuerwand durchbricht. Dann züngeln die Flammen seitwärts, unberechenbar und flink wie Fangarme, die mit einem ohrenbetäubenden Fauchen alles vernichten, was sie greifen. Die Wüste brennt, es ist Krieg.

Hier in Rumaila, im Süden des Irak, wurde die erste Schlacht geschlagen, bevor der Feind überhaupt auftauchte. Es war eine Schlacht gegen die Umwelt. Als die Amerikaner und Briten am zweiten Tag des Krieges von Kuwait her einrückten, räumten die irakischen Truppen fast kampflos das Ölfeld. Ihren Rückzug aber signalisierten keine weißen Fahnen, sondern fette, schwarze Wolken. Sieben Quellen gingen in Flammen auf, als der eingegrabene Sprengstoff die Ventile zerfetzte. Sieben nur von mehr als 800 auf dem größten Ölfeld des Irak, unter dem die Hälfte der landesweiten Vorräte lagert. Und natürlich wird viel spekuliert, warum es nicht mehr waren: Befehlsverweigerung vielleicht, technisches Versagen, womöglich überhastete Flucht. Doch diese sieben Fanale genügten, um die Angst vor einer Ökokatastrophe zu befeuern, wie sie Kuwait beim Abzug der irakischen Invasoren 1991 erlebt hatte. Doch damals brannten 730 Quellen. Kein Vergleich also, aber ein böses Déjà-vu.

"Es ist dasselbe, dieselbe Art der Sabotage", sagt Aisa Bouyabes - nur diesmal noch ein bisschen perfider: Bis zu zwei Meter in der Tiefe seien die Sprengsätze angebracht worden, und das erschwere das Löschen. Sein kunstvoll verzierter silberner Helm weist Bouyabes als Chef der kuwaitischen "Fire Fighter" aus, seine fast schwarz-gegerbte Haut als Veteranen auf diesem Schlachtfeld. 1991 schon war er dabei, jenseits der Grenze in seiner kuwaitischen Heimat. Neun Monate haben sie damals gebraucht, um mit 27 Teams aus elf Nationen alle Feuer zu löschen. Am Ende gab es eine Zeremonie, bei der Seine Königliche Hoheit, der Emir, die letzte einsame Flamme löschen durfte. Dieses Mal wird es nichts zu feiern geben, denn der Krieg geht weiter und lässt keinen Raum für solche Symbolik. Aber dafür wird es wohl nun auch viel schneller gehen - mit dem Löschen jedenfalls.

Fünf Feuer haben sie schon niedergekämpft, fünfmal den Geist zurück in die Flache gedrängt - allen Widrigkeiten des Wetters und des Krieges zum Trotz. Kein Sandsturm und keine Widerstandsnester der Iraker haben sie von ihrer Arbeit abhalten können, die dreckig ist und manchmal tödlich. Sie hatten Erfolg, bis jetzt. Hinten am Horizont steigt bloß noch eine Rauchsäule in den Himmel auf: Naturgas, halb so wild. Doch hier, wo Bouyabes steht und schwitzt, gibt es Probleme. Es lodert und es zischt ohne Ende aus diesem infernalischen Riss im Wüstensand.

Seit Tagen ringen sie erfolglos mit diesem Feind, Tag für Tag geht allein aus dieser Quelle Öl im Wert von 500.000 Dollar in Flammen auf, weil die wichtigste Waffe zur Gegenwehr fehlt: Es gibt zu wenig Wasser in der Wüste. Bouyabes zeigt auf die Lastwagen, die das kostbare Gut von Kuwait herkarren, und auf die elf gewaltigen Tanks, die zusammen 900.000 Liter fassen. Wenn sie voll sind, reicht das bei den riesigen Wasserwerfern, die auf die brennenden Quellen gerichtet werden, gerade für 40 Minuten Löscharbeiten. Zu wenig für dieses Feuer, in dessen Innerem Temperaturen von bis zu 1600 Grad herrschen. Der Sand in der Umgebung wird zu Glas.

Coole Feuerlöscher

Doch sie kämpfen, wie soll es anders sein, auch hier als Alliierte. Brian Krause ist da, der Mann von Boots and Coots aus Houston. Krause löscht weltweit, ein Vorarbeiter mit dem Titel des Firmenpräsidenten, und er ist angerückt mit einem elf Mann starken Team, zu dessen Uniform unbedingt der Stoppelbart und die Sonnenbrille gehört. Selbst in der Hitze des Gefechts gibt sich der Chef cool bis auf die Knochen. Auch er kennt das Szenario von anno ’91, als er im Einsatz war für den legendären Red Adair. "Das ist kein Vergleich zu damals", sagt er. "Wenn wir Wasser hätten, wären wir in vier oder fünf Tagen fertig." Also haben sie nach Wasser gesucht zwischen all dem Öl im Untergrund, und tatsächlich haben sie eine Quelle aufgetan. Nun werden Pumpen und Rohre herbeigeschafft, um das Werk endlich zu vollenden.

Sie wollen den Job hinter sich bringen, wollen nach Hause, denn sie sind schon eine ganze Weile in Wartestellung. Angeblich haben sie den Auftrag schon vor ein paar Monaten bekommen und sich für diese Front des Krieges gerüstet, als die UN-Inspektoren im Irak noch nach Massenvernichtungswaffen suchen durften. Und dass ihnen der Auftrag zufiel, ist wohl auch kein Zufall: Boots and Coots aus Texas, der Heimat von US-Präsident George Bush, fungiert laut Arab Times als Subunternehmer der Firma Kellog, Brown und Root, die für die gesamte Instandsetzung der Ölfelder angeheuert wurde. Die wiederum gehören zum Halliburton-Konzern - und da war Vizepräsident Dick Cheney einst der Boss.

UNO soll Öl verwalten

Die Politiker in Washington und London werden jedenfalls nicht müde, den Irakern eine ölreiche Zukunft zu versprechen. Tony Blair, der britische Premier, hatte es mal wieder am Schönsten ausgedrückt: "Das Öl wird gefördert, um den Glanz einer großen Nation wieder aufleben zu lassen." Das Öl solle nach dem Regimesturz unter die Verwaltung der UNO gestellt werden, die dafür einen speziellen Fonds einzurichten hätten. Dies, so sagt Blair, sei mit den Amerikanern abgestimmt. Aus den USA allerdings hat man das so klar noch nie gehört.

Alles ist vorbereitet für den großen Fluss des Öls und des Geldes. Technisch könnten bereits in wenigen Wochen in Rumaila wieder bis zu 400.000 Barrel am Tag gefördert werden. Die Briten versuchen schon, die mit den verrotteten 70er-Jahre-Einrichtungen vertrauten irakischen Arbeiter zurück auf die Felder zu bringen. Die meisten aber leben in Basra, und dort kommt derzeit kaum einer rein oder raus. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.4.2003)

Die Ölfeuer im Südirak sind zum großen Teil gelöscht. Nur an einer großen Quelle mühen sich die Feuerwehrleute noch um das "Brand aus". Bereits in wenigen Wochen könnten wieder Hunderttausende Barrel Öl pro Tag gefördert werden. Diese Geldquelle soll für den "Glanz der irakischen Nation" sprudeln, sagt Tony Blair.

Peter Münch aus Rumaila
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