"Divine Intervention": Erkundung der Kampfzone

23. Juli 2004, 10:50
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Komik der Verzweiflung im israelischen Alltag: "Divine Intervention", der kontroversielle Film des Palästinensers Elia Suleiman

"Divine Intervention", der kontroversielle Film des Palästinensers Elia Suleiman, zeigt den Alltag in Israel als permanente Anspannung und absurde Routine der Zerstörung. Dabei überwiegt eine Art Komik der Verzweiflung, die an Slapstick-Verfahren Jacques Tatis erinnert.


Wien - Ein Mann lenkt seinen Wagen durch ein Viertel Nazareths und grüßt die Passanten mit der Hand. Der Ton sabotiert das Zeichen der Höflichkeit und damit das Bild: Jedem Fußgänger wird auch ein wüstes Schimpfwort hinterher gejagt. Davor, in der Eröffnungsszene des Films, flüchtet ein Weihnachtsmann vor palästinensischen Kindern in einen Hain. Seine Geschenke fallen aus dem Korb, keiner hebt sie auf - und schließlich erkennt man, dass er ein Messer in den Rippen stecken hat.

Das Leben der arabischen Minderheit in Israel: Divine Intervention (Göttliche Intervention) sucht sich seine eigenen Blicke darauf. Der Film des palästinensischen Autors und Filmemachers Elia Suleiman, letztes Jahr in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichnet, lässt sich grob in zwei unterschiedliche Teile trennen:

Den Anfang machen patchworkartige Ausschnitte aus Nazareth, der Geburtsstadt des Regisseurs, in der die meisten Araber Israels wohnen. In streng kadrierten Szenen, oft aus erheblicher Distanz aufgenommen, richtet Suleiman den Blick auf Alltagsgeschehnisse, die nur einen losen erzählerischen Zusammenhalt ergeben. Keine gröberen Auseinandersetzungen interessieren ihn hier, sondern eine mittelmäßige Gewalt, die sich in fast kleinbürgerlichen Fehden unter Nachbarn ausdrückt.

Da werden Müllsäcke einfach über die Mauer geworfen, Fußbälle böswillig aufgeschlitzt oder Autos absichtlich vor Ausfahrten geparkt: Wo die Bürgerrechte eingeschränkt sind, suggerieren diese Szenen, da herrscht kein Sinn für Gemeinschaft.

Vieles - die körperliche Gewalt vor allem - bleibt im Off, die Kamera weigert sich, ein Ereignis ins Zentrum zu rücken. Dialoge finden kaum mehr statt, und wenn doch gesprochen wird, dann ist selten Verständnis die Folge.

Dennoch überwiegt in Divine Intervention eine Art Komik der Verzweiflung, die an Slapstick-Verfahren wie auch an Strategien Jacques Tatis erinnert: Absurd und nicht erschütternd sind diese Momentaufnahmen, weil der Vandalismus und die Streitlust mit gleichmütiger Routine ausgetragen werden. Die unbewegten Szenen reiht Suleiman wie Mosaikstücke aneinander. Manche Handlungen geben ihre Absicht erst in der Wiederholung preis.

Erst im zweiten Abschnitt des Films, in dem Suleiman selbst als sein stoisches Alter Ego auftritt, beginnt sich fragmentarisch eine Liebesgeschichte abzuzeichnen. Sie ist jedoch durch den Al-Ram-Checkpoint - der Grenzkontrolle zwischen Jerusalem und der Westbank - auf ein kleines Territorium beschränkt: Im Niemandsland trifft Suleiman seine Geliebte (Manal Khader), schweigend und händchenhaltend sitzen sie im Auto, im Blickfeld die alltäglichen Schikanen, denen die Menschen durch israelische Soldaten ausgesetzt sind.

Kein Raum für Utopie

In Divine Intervention gibt es keinen Raum für eine konkrete politische Utopie - vielleicht meint das der Filmtitel. Suleiman lebt seine Fantasien viel eher hollywoodgerecht aus: Ein Obstkern jagt einen Panzer in die Luft, die Freundin überquert den Checkpoint wie ein Mannequin, das den Finger der Soldaten am Abzug hemmt. In der fantastischsten Sequenz wird sie zur Ninja-Kämpferin, die mit schießwütigen Söldnern aufräumt und dabei für einen Moment in der Pose des gekreuzigten Jesus verharrt - mit einem Heiligenschein aus Patronen.

Suleimans Vater, dem der Film gewidmet ist, hatte einen "Heiligenschein" am Kopf - die Narben von Folterungen, schreibt der Regisseur in den Cahiers du Cinéma: "Alles, was die Juden tun mussten, war Israelis zu werden und ihr Jüdischsein auf uns zu übertragen." Es ist Suleiman anzurechnen, dass dieser Zorn den Film nicht einseitig werden lässt: Gerade die intimen Szenen mit dem (fiktiven) Vater, der während des Films erkrankt, zählen zu den zärtlichsten in Divine Intervention; da tritt er an den Schlafenden heran, legt das Ohr an dessen Herz und Kopfhörer mit Musik an dessen Ohren.

Abgesehen von den Soldaten bleibt die Konfrontation mit jüdischen Bürgern ausgespart - bis auf jenen Moment an einer Kreuzung, wo Suleiman zwischen einem propagandistischen Plakat und einem Juden zu stehen kommt: Er legt eine Kassette ein, öffnet das Fenster: "I put a spell on you", gesungen von Natasha Atlas. Ein langes Duell der Blicke beginnt. Diesen Antagonismus gilt es zu überwinden. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.4.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

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pyramidefilms.fr/ intervention-divine

Verleih Polyfilm

Ab Freitag im Gartenbaukino
  •  Jesus-Pose mit einem Heiligenschein aus Patronen
    foto: polyfilm

    Jesus-Pose mit einem Heiligenschein aus Patronen

  • Elia Suleiman
    foto: polyfilm

    Elia Suleiman

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