Schweigen in der Folterkammer

6. April 2003, 18:58
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Wie soll das zermürbende Börsengeschehen überhaupt noch beschrieben werden? - Gastkommentar von Michael Margules

Seit Monaten schon präsentieren sich die Aktienmärkte einer äußerst unerfreulichen Verfassung – unerfreulich für die betroffenen Anlegerinnen und Anleger, aber auch für die, die das Geschehen kommentieren müssen. Wer regelmäßig über die Börsen schreiben oder sprechen muss, dem gehen jetzt langsam die Worte, aber auch die Argumente aus. Wie soll das zermürbende Geschehen überhaupt noch beschrieben werden? Gibt es irgendwelche neuen Aspekte, mit denen sich die anhaltende Vermögensvernichtung begründen ließe? Wen interessiert es überhaupt noch? Die Lust, Prognosen über ein Ende der Börsentalfahrt oder eine Trendwende zu wagen, ist den meisten schon lange vergangen – zu oft dürften sie in letzter Zeit gründlich daneben gelegen sein.

Besser haben es heute nur all die Marktkommentatoren und selbst ernannten Gurus, die (angeblich) schon immer gewusst haben, dass die Börsenherrlichkeit eines Tages in einem großen Desaster enden würde. Doch wer mag ihre Kommentare schon hören, geschweige ihre Ratschläge befolgen? Ist es beispielsweise der Weisheit letzter Schluss, jetzt noch alle Aktien zu verkaufen und mit dem Erlös Gold oder Short-selling hedge funds zu kaufen? In extremen Zeiten finden extreme Lösungen stets Anklang – immer gibt es Leute, die leicht zu überzeugen sind, exakt das kaufen, was jüngst besonders erfolgreich war. Viele von ihnen waren seinerzeit auf dem Höhepunkt der Technologieaktieneuphorie in Aktien eingestiegen.

Schönfärberei?

Soll man sich überhaupt noch zum Börsengeschehen äußern, wenn man nichts Neues zu berichten hat, zu berichten weiß? Sollen die Banken und übrigen Finanzinstitute damit aufhören, täglich Marktberichte und Börsenkommentare zu veröffentlichen? Verschiedentlich war jüngst aus gewissen Kreisen zu hören, die Banken versuchten im eigenen Interesse die Situation an den Börsen «krampfhaft schönzureden». Analysten und Anlageberater seien angehalten worden, die Lage positiver darzustellen, als sie sei. Das ist natürlich Unfug, Derartiges zu behaupten bzw. zu unterstellen. Die meisten Institute raten seit je ihrer Kundschaft, sich nicht im Trading zu versuchen, sondern unter längerfristiger Sicht Aktien zu kaufen. Es hat nichts mit Schönfärberei zu tun, wenn heute ein Anlageberater, eine Kundenbetreuerin rät, die tiefen Kurse zum Kauf von Qualitätsaktien zu nutzen. Was soll falsch daran sein, wenn jetzt von der Liquidation eines gut strukturierten Aktienportefeuilles abgeraten wird?

Verantwortung

Wie sollen sich die Medien in dieser Situation verhalten? Nun, vielen von ihnen, die nicht regelmäßig über das Aktienmarktgeschehen berichten und über ihre Artikel fette Titel setzen, kommt das Börsendebakel gelegen. Alles, was die Leser in Schrecken versetzt, ist bestens geeignet, das Blatt zu verkaufen. Ob es sich um die Schieflage von Unternehmen, bedrängte Pensionskassen, das angebliche Fondssterben oder um massive Börsenrückschläge handelt – alles ist für eine fette Schlagzeile gut.

In der heutigen labilen Verfassung der Märkte muss die Presse mit besonderer Sorgfalt vorgehen – und im Zweifelsfall auf einen «Primeur» verzichten. Jeder Fehler, jede Spekulation und jedes kolportierte Gerücht über einen angeblichen Riesenverlust, über hohe Goodwillabschreibungen oder eine unsaubere Rechnungslegung kann verheerende Auswirkungen auf den Aktienkurs des «angeschossenen» Unternehmens haben. Aufgabe der Presse ist es, das Marktgeschehen zu beobachten und objektiv zu kommentieren. Spekulationen darüber, wo die Märkte in einigen Wochen stehen könnten, werden von uns nicht verlangt. Niemand kann das wissen. Es braucht nicht einmal Mut, dies einzugestehen.

Nachlese

--> Politik beeinflußt die Börsen wenig
--> Die Baisse kann bis 2018 andauern...
--> 1:0 für Anleihen
--> Arme Rentner
--> Kanonendonner oder Kursfeuerwerk?
--> Gratis-Kredit für den Chef
--> Aktien-Lotto
--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> Haben „Bob the builder“ und US-Präsident Bush etwas gemein?
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.

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