Der lustige Publikums­fischer: Harald Serafin

30. Dezember 2009, 19:07
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Der Mörbischer Intendant hat eine Autobiografie vorgelegt. Auch zur aktuellen Situation der Musikstadt Wien hat er Lustiges zu sagen.

Ein Gespräch mit Ljubisa Tosic über Ioan Holender, das Musical und die Volksoper.

Wien - Denkt man an Mörbisch in der Post-Serafin-Ära, macht man sich gleich ein bisschen Sorgen um dieses glänzend dastehenden Eldorado der Operette. Serafin selbst macht sich keine Sorgen, weil er sich keine Gedanken über Nachfolger macht. Er hat ja noch drei Saisonen zu betreuen und will auch keinen Wunschnachfolger nennen. Überhaupt ist ihm das unangenehm: "Lassen wir das, sonst stehen die Kandidaten wieder Schlange um meine Nachfolge."

Grundsätzliche Gedanken aber gerne: Ein Intendant der Mörbischer Festspiele brauche, so der ehemalige Operettenstar, "für den Job ein bisschen eine populistische Ader. Er muss beliebt sein, also selbst eine Vergangenheit im Operettenfach haben. Und er braucht PR-Talent, das über das nur Gelernte hinausgeht, diese Fähigkeit also, gleichsam nach den Menschen zu greifen! Vor einer Vorstellung rede ich fünf Minuten, manchmal sechs, und dann glaubt jeder, ich rede mit ihm persönlich. Auch ein bisschen Diplomatie im Umgang mit der Politik ist da nötig. Mir strahlt Gott sei Dank noch immer Sympathie entgegen. Das ist etwa bei jemandem wie Ioan Holender nicht der Fall."

Ein Typ wie der Staatsoperndirektor wäre denn auch nach Serafins Kriterien kein idealer Mörbisch-Intendant. "Bei ihm wartet doch praktisch jeder, dass er endlich nach Temeschwar geht, damit sie im Haus am Ring durchatmen können. Er ist tüchtig, er versteht was von Stimmen, da ist er wie ein Computer. Ich wünsche ihm ein gutes Leben nach der Staatsoper, er hat ja schon einige seiner Schäfchen im Trockenen, er berät ja dann auch den Bachler an der Bayerischen Staatsoper. Aber Holender ist schwierig, er gönnt sich nicht einmal selber etwas - was der manchmal so anhatte!"

Um ein Haar hätte Serafin als Volksoperdirektor noch viel mehr mit Holender zu tun gehabt. "Ja, das war durchaus ernst, aber ich bin glücklich, dass es der Robert Meyer geworden ist. Der Job hätte meinem Ego geschmeichelt, aber er hätte meine Gesundheit ruiniert. Das ist ein Fulltimejob, und der Meyer ist ein fleißiger Mann. Ich habe ihm geraten, wo er nur kann, die Nase reinzustecken. Natürlich aber wünsche ich dem Haus einen Chefdirigenten. Den braucht es, damit er dem Direktor zur Seite steht. Mehr will ich dazu nicht sagen, ich bin Publikum."

Das Jürgens-Musical

Wenn man aber schon bei der Wiener Musiktheatersituation ist, klappert man doch gerne alle Häuser ab, um Serafins Ideen zu hören. Theater an der Wien? "Ich ziehe den Hut vor dem, was der Roland Geyer da schafft. Trotz all der Anfeindungen."

Und die Wiener Musicalsituation? "Grundsätzlich sehe ich keine tollen Stücke mehr, nur sehr viel Aufgewärmtes. Wahrscheinlich gibt es ein Haus zu viel in Wien für Musicals, aber das soll jetzt kein Angriff auf die Intendantin Zechner sein. Ich werde mir jedenfalls das Udo-Jürgens-Musical ansehen, Jürgens ist der Robert Stolz unserer Tage! Er schreibt ganz einfache Melodien, das geht dann ganz schnell in den Bauch. Das Stück wird gut gehen, weil es eine halbe Operette ist." Ja, die Operette. Serafin meint, dass ihre Förderung dem Staat etwas mehr wert sein sollte. "Es gäbe eine Verpflichtung des Landes, das zu machen. Wenn jemand sagt, das sei keine ernstzunehmende Kunstform, sage ich: Es ist schon eine Kunst, auch das auf hohem Niveau zu machen."

Im Sommer "Zarewitsch"

Kommenden Sommer wird man sich sicher überzeugen können, dass es hohe Kunst ist. In Mörbisch setzt man den Zarewitsch von Lehár an, "und das hat auch mit dem Prawy zu tun, der mich immer 'Bär' genannt hat. Er hat mir einreden wollen, das Werk zu machen. Na, jetzt ist er leider nicht mehr da, und wir machen es. Der Verkauf läuft übrigens super, trotz Wirtschaftskrise. Wir verkaufen schon die teuren Karten für das übernächste Jahr, bei dem noch gar nicht klar ist, was wir spielen!"

Über all dies und über noch viel mehr kann man sich vertiefend anhand von Nicht immer war es wunderbar informieren, anhand des Serafin-Buches also, das "eine schwere Geburt war, für mich regelrecht eine Psychotherapie - ich hatte viele Weinstationen zu passieren. Susanne Wolf, die das alles aufgezeichnet hat, war auch die Trösterin. Als wir die Vergangenheit durchgearbeitet hatten, auch mit all den Kriegserlebnissen, kamen wir zur Gegenwart. Ich dachte, jetzt würde es lustig und leicht! Und dann: nichts. Man sitzt da, und es fällt einem nichts ein. Ich sage Ihnen - eine Qual!" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12.2009/1.1.2010)

 

Harald Serafin: "Nicht immer war es wunderbar. Autobiografie" (Amalthea).

Ab 15. Juli 2010 in Mörbisch: "Der Zarewitsch"

 

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    Harald Serafin (Jahrgang 1931): "Ein Mörbisch-Intendant muss auch ein populistisches Talent haben."

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