Ersatzkaiser

30. Dezember 2009, 17:50
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Wenn sich kein ernsthafter Gegenkandidat zu Fischer findet, kommen wir dem Demokratiemodell Wahlmonarchie einen Schritt näher

Kurz vor der Präsidentschaftswahl 2004 sagte der jetzige Bundespräsident Heinz Fischer in einer Fernsehdiskussion, dass er im Fall seiner Wahl nur einen Wunsch habe: dass auch diejenigen, die ihn nicht wählen, nach einiger Zeit seine Amtsführung gutheißen würden.

Dieses Ziel hat Fischer in einem hohen Maße erreicht. Nicht weil er ein so auffallend aktiver und das Land klug führender Bundespräsident wäre - sondern weil er jene Balance aus Zurückhaltung und staatsmännischer Integrationskraft ausstrahlt, die Österreicher an ihrem Staatsoberhaupt schätzen. Man kann das derzeit in der Ausstellung des "Museum auf Abruf" über die 50er-Jahre sehen: Da hängt ein von Erich Lessing 1959 aufgenommenes Bild von Adolf Schärf, der auf dem Weg in die Präsidentschaftskanzlei am Fußgängerübergang der Ringstraße wartet wie jeder andere auch. Und der trotzdem oder gerade deshalb die Verehrung der Bürger genießt. Man wünscht sich einen Ersatzkaiser in der Hofburg - ob er nun ein gelernter Schriftsetzer wie Franz Jonas oder ein gelernter Diplomat wie Thomas Klestil, Kurt Waldheim oder Rudolf Kirchschläger ist, tut wenig zur Sache. Kontinuität muss er vermitteln.

Als Kirchschläger nach zwei Amtszeiten 1986 nicht mehr wiedergewählt werden konnte, gab es viele Bürger, die sich wünschten, die Amtszeit würde auf Lebenszeit verlängert. Das liefe auf eine Wahlmonarchie hinaus. Wenn sich kein ernsthafter Gegenkandidat zu Fischer findet, kommen wir diesem Demokratiemodell einen Schritt näher. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2009)

 

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