Die Freiheit des Unterschätzten

30. Dezember 2009, 18:07
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In Oberstdorf hat sich Kofler einen "höherwertigen Genuss" verschafft. Der Tourneesieg wird dem Tiroler noch nicht von allen zugetraut

Oberstdorf - Was von all dem zu halten ist, wurde der Doyen der Schweizer Skisprungberichterstattung nach dem denkwürdigen, turbulenten Auftaktspringen der Vierschanzentournee gefragt. "Der Simi" , sagte der, "macht sich keine Sorgen." Der Mann hat den Simi, also Simon Ammann, immer sorgsam im Blick, begleitet ihn schon seit Jahr und Tag durch den Zirkus. Nur ausgerechnet bei Ammanns beiden Olympiasiegen in Salt Lake City 2002 war er nicht dabei gewesen. Darüber lacht sich der Simi heute noch scheckig.

Warum sich Ammann trotz seines verhältnismäßig bescheidenen fünften Ranges mit mehr als 30 Punkten Rückstand auf den Sieger keine Sorgen macht, haben die Schweizer Trainer verraten. "Hätte Gregor Schlierenzauer mit diesem Vorsprung gewonnen, für den Simi wäre die Tournee vorbei gewesen" , sagten sie. "Aber ob der Kofler die Nerven hat ..."

Andreas Kofler, der am Dienstagabend eine fast drei Jahre andauernde Pechsträhne beendet und sich seinen erst zweiten Weltcupsieg genommen hat, wird ein Durchmarsch, wie er Wolfgang Loitzl in der Vorsaison gelang, noch nicht von allen zugetraut. Schlierenzauer ist nach Rang neun in Oberstdorf, vor allem aber wegen gesundheitlicher Probleme angeschlagen. Am Mittwoch begab er sich mit Magen- und Halsschmerzen zur Behandlung nach Innsbruck. Und was die unmittelbar hinter Kofler Platzierten zulegen können, müsse sich, sagten die Schweizer, erst zeigen.

Der Comeback-Finne Janne Ahonen war bei seinem zweiten Versuch auf der Schattenbergschanze jedenfalls eindeutig vom Wind bevorzugt gewesen. "Ich bin selbst überrascht" , sagte der 32-Jährige. "Aber das zeigt, dass alles möglich ist. Das macht es bei den restlichen Springen viel leichter für mich." Thomas Morgenstern hat zwar schon seit einer kleinen Ewigkeit nicht mehr gewonnen, bewertete den dritten Platz in Oberstdorf aber höher als manchen Sieg.

Alexander Pointner, Chefcoach der Österreicher, ist sich sicher, dass "alle unsere Topathleten das Zeug haben, die Tournee zu gewinnen. Natürlich auch Kofler." Weil der 25-jährige Stubaier die Vergangenheit abgehakt hat. Das um einen Zehntelpunkt an Morgenstern verlorene Großschanzengold bei Olympia 2006 in Turin, die 2007 folgenden Stürze in Engelberg und Oberstdorf, die leistungsmäßigen Tiefpunkte wie die verpasste Bischofshofen-Qualifikation im vergangenen Winter.

Für Anton Innauer hat sich Kofler in Oberstdorf einen "höherwertigen Genuss" verschafft, "als wenn es für ihn immer gut gegangen wäre" . Der ÖSV-Sportdirektor, der die Tournee für ein paar Tage verlässt, um seine Kombinierer in Oberhof zu visitieren, will trotz Koflers Geschichte nicht unbedingt von Gerechtigkeit sprechen. "Gerechtigkeit hat viel mit Wahrscheinlichkeit zu tun. Man hat Kofler nicht fallen lassen. Und er hat sehr hart gearbeitet."

Im Continentalcup und mithilfe seines Jugendtrainers Markus Maurberger, der den kompletten Neuaufbau begleitete, hat sich Kofler ein neues Fundament gebaut, hat sich neu definiert. Jetzt freut er sich "brutal" , spricht er von seinem "Flow-Zustand" , sagt, dass es wichtig sei, "bei mir zu bleiben" , dass er heuer erstmals die Möglichkeit habe, "richtig frei zu springen und die Freiheit zu genießen" .

Zum Beispiel in Garmisch-Partenkirchen am Neujahrstag, auf dieser "total schönen Schanze" , die darüberhinaus nicht weit weg ist von daheim. In Innsbruck, am 3. Jänner, will der in Thaur wohnhafte Polizeischüler in jeden Fall noch als Gesamtführender am Ablauf stehen. Und mit Bischofshofen sei noch eine Rechnung offen.

Und was sagte der Doyen der Schweizer Skisprungberichterstattung vor der Konkurrenz in Garmisch, wo der nun viertplatzierte Steirer Loitzl in der Vorsaison zum allerersten Mal siegte, um danach auch in Innsbruck und Bischofshofen zu gewinnen? "Passt mir auf den Loitzl auf" , sagte er. (Sigi Lützow aus Oberstdorf, DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2009/1.1.2010)

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    Andreas Kofler nimmt nach seinem Triumph in Oberstdorf Anlauf auf den Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee. Die geht am Neujahrstag und in Garmisch in die zweite Runde.

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