Ein audiovisueller Rückblick der CARGO-Redaktion auf das vergangene Jahr
1. Strandballzwischenfall
Der Strandballzwischenfall ereignete sich am 17. Oktober dieses Jahres im Stadium of Light des AFC Sunderland. Der Treffer zählte - und während die Spieler des FC Liverpool verzweifelt (und erfolglos) versuchten, das Spiel noch zu drehen, hatte die Fernsehregie schnell eruiert, wie der Beach Ball in Pepe Reinas Strafraum gelangt war: Ein Teenager, zu allem Unglück auch noch ein Liverpool-Fan, hatte den Ball, zum Spott der gegnerischen Fans: ein Produkt aus dem Merchandising-Katalog des FC Liverpool, einfach in die Arena geworfen, natürlich ohne an eine so weitgehende Konsequenz zu denken.
Abgesehen davon, dass die Szene den Begriff "outside agent" in der öffentlichen Regelkunde-Debatte etablierte, hat sie den Vorteil, dass es endlich ein Dingsymbol für die Zufallsneigung ("Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu") dieses Sports gibt. Jeder abgelenkte Schuss, jeder Ball, der vom Innenpfosten zurück aufs Spielfeld fällt, ist als Zufallsprodukt dem leidenden Fan ein Strandballzwischenfall. Simon Rothöhler
2. Rätselstunde
Der enorme Erfolg von Michael Hanekes "Das weiße Band" ist ein Zeichen, das über 2009 hinausweist. Es verweist auf ein nach wie vor starkes Bedürfnis nach orientierenden Erzählungen auch im Kino. Haneke leitet mit diesem "Kostümfilm" nicht weniger als das 20. Jahrhundert her, das er als Epoche zeigt, die aus (mühsam unterdrückter) spätfeudaler und religiös-bürgerlicher Gewalt entstanden ist. "Das weiße Band" genügt dabei gerade noch so den Anforderungen einer Moderne, die auch zu den Errungenschaften des 20. Jahrhunderts gehört und nicht zuletzt daran gemessen werden will, dass Wahrheit nicht ohne Abstraktion zu haben ist.
Haneke nimmt eine im Prinzip plumpe historische Erkenntnis (dass Gewalt eine Genealogie hat), umkleidet sie mit einer klassizistisch prächtigen, historisierend schwarzweißen Filmhaut, und schafft so ein Spiel mit Bedeutung: Der Sinn liegt offen zu Tage, ist aber - weil damit der anspruchsvolle Kunstgenuss zu anspruchslos würde - nicht einfach so zu ergreifen. So wird "Das weiße Band" zu einem bildungsbürgerlichen Rätsel, das keiner Lösung bedarf, weil diese immer schon bekannt ist. Dieser Dramaturgie folgt unausweichlich auch das Gespräch, das Christoph Hochhäusler im Oktober 2009 in der Berliner Akademie der Künste mit Michael Haneke geführt hat - es zeigt den Filmemacher als Auguren des Vergangenen. Bert Rebhandl
3. Alte Meister
Die frischsten und radikalsten Filme des vergangenen Jahres haben alte Männer gedreht. Das Kino mag im zweiten Jahrhundert seiner Geschichte keine junge Kunst mehr sein, aber es erweist sich als eine, deren Meister im Alter nichts verlernen.
In den USA hat Clint Eastwood mit "Gran Torino" seinen erklärten Abschied als Darsteller genommen, als Regisseur jedoch macht er sehr unverdrossen weiter - "Invictus" steht schon vor der Tür. Wie lässig "Gran Torino" Motive der ganzen Eastwood-Filmografie in sich vereinte und zugleich die gewohnten rechten Rachefantasien in christlicher Weise auf den Kopf zu stellen verstand. Oder der Dokumentarfilmer Frederick Wiseman, der auf die achtzig zugeht, in "La Danse" aber so virtuos und springlebendig wie die Tänzerinnen und Tänzer, die er zeigt, das Porträt des Ballets der Pariser Oper entwirft. In Deutschland wird Alexander Kluge, 1932 geboren, im nächsten Jahr erneut vielstündig auf einer Suhrkamp-DVD mit dem Titel "Früchte des Vertrauens". Weltältester aktiver Regiseur ist schon lange Manoel de Oliveira, 101, der in diesem Jahr seine "Singularidades de uma Rapariga Loura" präsentierte und schon in den Vorbereitungen zum nächsten Film steckt.
Die beiden verrücktesten, souveränsten, ihrer Kunst gewissesten Filme 2009 kamen aber von zwei Herren fortgeschritten Alters aus Frankreich. Alain Resnais, 87, schickt in "Les herbes folles" die Kamera auf merkwürdige Extratouren durch eine Geschichte, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Und Jacques Rivette hat mit "36 vues du Pic Saint-Loup" eine Liebes- und Zirkuserzählung von federleichter Todtraurigkeit gedreht, einen Film, der Leben und Kunst, Realität und Allegorie balanciert. Und zu guter Letzt schon mal ein Ausblick auf 2010 - der Trailer zu Jean-Luc Godards "Socialisme". Ekkehard Knörer
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