"Entscheidend ist, was beim Menschen ankommt"

31. Dezember 2009, 16:48
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Die Zukunftsthemen beim Auto: Elektronik und Elektrik. Ob Europa noch mitspielt und wie die Grazer AVL sich positioniert im Interview mit Helmut List

DER STANDARD: Wann begann der Motorenbau im heutigen Sinn?
List: Anfang der 1960er-Jahre galt das Thema Verbrennungsmotor als abgeschlossen, im Rückblick geradezu absurd, manche haben gesagt, mit dem Verbrennungsmotor ist alles erreicht. Für mich als jungen Menschen war das nicht so attraktiv. Ich habe Maschinenbau studiert, doch mein Interesse war immer auch stark von Elektrotechnik und Elektronik geprägt. Dann kam aber die Auseinandersetzung mit dem Abgas. Man musste sich mit den Verbrennungssystemen völlig neu beschäftigen.

DER STANDARD: Mit den Mitteln des klassischen Maschinenbaus wäre wohl nichts mehr weitergegangen?
List: Ohne Elektronik, Software, Sensorik wäre von da an kein weiterer Fortschritt denkbar gewesen. Die elektronische Steuerung, die Flexibilisierung des Ventiltriebs und andere Aspekte haben zu einer drastischen Verbesserung geführt. Heute ist die Entwicklungsgeschwindigkeit des Verbrennungsmotors noch schneller als vor zehn Jahren, und sie wird sich noch weiter erheblich steigern.

DER STANDARD: Weil Entwicklungs- und Test- und Messmethoden immer besser geworden sind?
List: Das Konzept des Verbrennungsmotors ist uralt. Prinzipkonzepte füllen sich mit Technologien, die aus den verschiedensten Bereichen kommen. Fortschritte in den Materialwissenschaften, Software-Entwicklung, Sensorik, Elektronik-Hardware mit höchsten Speicherdichten, von all dem profitiert der Motorenbau.

DER STANDARD: Das heißt, die Elektrifizierung des Antriebs ist längst in Gang?
List: Zuerst war da nur die Flexibilisierung der Verbrennung mithilfe der Elektronik, jetzt erst kommt die Elektrik dazu. Zunächst aus der Idee der Rekuperation heraus, also mithilfe eines Generators beim Bremsen Energie zurückzugewinnen. Entscheidend war dann aber, dass viele andere Phänomene dazukamen. In Europa hat man sich damit sehr vorsichtig auseinandergesetzt, dann hat man aber entdeckt, wie viele andere Phänomene mitspielen, dass die Kombination des thermodynamischen mit dem elektrodynamischen Antrieb eine weitere Dimension eröffnet, mit einer Vielzahl an Kombinations- und Gestaltungsmöglichkeiten.

DER STANDARD: Ob sich Hybridantrieb in ganzer Breite durchsetzen wird, ist also keine Frage mehr?
List: Mikro-Hybrid, also die Start-Stopp-Automatik, ist ja schon sehr verbreitet, aber es wird auch darüber hinaus viele Spielarten des Hybridantriebs geben, auch eine, mit der man mit beschränkter Geschwindigkeit und Dauer elektrisch fahren kann und die gleichzeitig einigermaßen kostengünstig ist.

DER STANDARD: Der Hype beim Elektroauto hat auch die AVL zu einer schnellen Antwort veranlasst. Der Range Extender, ein kleiner Wankelmotor mit Generator, der die Reichweite von Elektroautos erweitert. Ergibt das nicht einen schlechten Wirkungsgrad?
List: Man kann den Motor in einem sehr engen Drehzahlbereich laufen lassen, damit hat dieser schon einen recht guten Wirkungsgrad. Unsere Spielart ist die, wenn Sie so wollen, eines Notstromaggregats, ein extrem kompaktes, vibrations- und geräuscharmes Aggregat, das wir leicht packagen können im Fahrzeug.

DER STANDARD: Trotzdem: Ohne direkten Durchtrieb vom Verbrennungsmotor her, mit dem Umweg über die Stromerzeugung, muss der Wirkungsgrad doch schlecht sein?
List: Der Range Extender gibt dem Besitzer eines E-Mobils die Sicherheit, immer ans Ziel zu kommen. Man sollte aber doch primär die Vorteile des Elektroantriebs nutzen, also möglichst selten in die Phase der leeren Batterie kommen.

DER STANDARD: Stichwort Technologiewettlauf: Ist der Zug in Sachen Elektroauto für Europa abgefahren?
List: Die Batterietechnologie ist in einer viel zu schnellen Weiterentwicklung, als dass heute jemand die Technologie allein besitzen könnte. Richtig ist allerdings schon, dass die Japaner die Bedeutung um vieles früher gesehen und mit viel breiteren Teams daran gearbeitet haben. Die Unternehmen, die am Batteriesektor entstehen, werden letztlich globale Unternehmen sein. Wir sind selbst auch an der Erforschung der Zelle beteiligt, um das elektrochemische Geschehen zu simulieren. Denn wenn Sie das ganze Antriebssystem optimal betreiben wollen, dann müssen Sie von allen Teilen Simulationsmodelle haben.

DER STANDARD: Würde Ihnen eine bestimmte Entwicklung besonders am Herzen liegen?
List: Besonders wichtig ist natürlich die Weiterentwicklung der Batterie, noch wichtiger aber ist die Gesamtbalance, die Gesamtregelung des Antriebssystems neu zu gestalten, um hier wirklich noch viel bessere Wege der Regelung zu finden. Wir müssen uns konsequent lösen von Hubraum - Zylinderanzahl, Kilowatt, und die Fahrdynamik hervorheben, die der Mensch wirklich spürt. Entscheidend sind nicht die Inputgrößen, sondern was beim Menschen ankommt. Hier muss man den wirklich optimalen Weg zwischen CO2-Emission und Fahrdynamik finden, natürlich bei günstigen Herstellungskosten. (Rudolf Skarics/DER STANDARD/Automobil/01.01.2010)

Zur Person:
Helmut List (geb. 1941) trat 1966 in das von seinem Vater, Hans List, gegründete Unternehmen AVL List GmbH ein und übernahm 1979 die Gesamtleitung. Mit der Entwicklung von Motoren und der dazugehörigen Prüfstände und Messtechnik sind mittlerweile weltweit 4500 Personen bei AVL beschäftigt, 2500 davon in Graz.

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    Für AVL-Chef Helmut List geht es beim Automobil der Zukunft vor allem darum, einen optimalen Weg zwischen CO2-Emissionen und Fahrdynamik zu finden. Und bezahlbar sollte das Ganze auch noch sein.

  • Breites Spektrum Richtung E-Mobilisierung: Opel Ampera (mit Range
Extender), ...
    foto: werk

    Breites Spektrum Richtung E-Mobilisierung: Opel Ampera (mit Range Extender), ...

  • ... Plug-in-Hybrid Toyota Prius, ...
    foto: werk

    ... Plug-in-Hybrid Toyota Prius, ...

  • ... reine E-Autos (Renault Fluence - Bild,
BMW E-1er).
    foto: werk

    ... reine E-Autos (Renault Fluence - Bild, BMW E-1er).

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