Obama spricht von "katastrophalen" Sicherheitsmängeln - US-Geheimdienstkoordinator unter Druck
Washington - Knapp eine Woche nach dem vereitelten Anschlag auf ein US-Verkehrsflugzeug soll
US-Präsident Barack Obama heute (Donnerstag) einen Bericht über die im Vorfeld
der Tat vorliegenden Geheimdiensterkenntnisse erhalten. Wie die "New York Times"
am Mittwoch berichtete, sei es US-Agenten schon lange vor der missglückten
Attacke bekanntgewesen, dass ein Nigerianer im Jemen auf einen Anschlag
vorbereitet werde.
Entsprechende Diskussionen von Al-Kaida-Führern im Jemen habe die auf die
Kommunikationsüberwachung spezialisierte NSA schon vor vier Monaten abgefangen.
Allerdings sei es versäumt worden, dies mit anderen Informationen - insbesondere
den Warnungen des Vaters des späteren Attentäters - abzugleichen, hieß es. Obama
hatte den Sicherheitsbehörden schwere Fehler vorgeworfen.
Die Ergebnisse der NSA-Abhöraktion seien übersetzt und auch innerhalb des
Geheimdienstnetzwerks weitergegeben worden, berichtete die "New York Times"
weiter. Experten im Nationalen Anti- Terrorzentrum in Washington hätten die
Informationen dann aber nicht mit den Warnungen des Vaters von Umar Farouk
Abdulmutallab in Verbindung gebracht, der Mitte November in der US-Botschaft in
Nigeria vor der Radikalisierung seines Sohnes durch Islamisten gewarnt hatte.
Sein 23-jähriger Sohn hatte am ersten Weihnachtsfeiertag versucht, in einem voll
besetzten Airbus der US-Gesellschaft Delta kurz vor der Landung in Detroit einen
in seiner Unterhose versteckten Sprengsatz zu zünden, war dabei aber von anderen
Passagieren überwältigt worden.
Vater des Attentäters nicht ernst genommen
Der Vater habe die US-Behörden auch eindeutig vor "der Sicherheitsbedrohung"
gewarnt, die sein Sohn darstelle, heißt es in dem Zeitungsbericht unter Berufung
auf einen Cousin des Täters. "Sie haben ihm zugesagt, sich darum zu kümmern.
Aber sie haben ihn nicht ernst genommen." In Regierungskreisen werde vor allem
das Nationale Anti-Terrorzentrum in Washington, das drei Jahre nach den
Anschlägen vom 11. September 2001 zur besseren Auswertung und Einschätzung der
Terror-Erkenntnisse der verschiedenen US-Geheimdienste geschaffen worden war,
für die Versäumnisse verantwortlich gemacht.
Obama hatte den eigenen Behörden eine schwere Rüge erteilt: Es habe im
Vorfeld des vereitelten Anschlags verheerende Fehler und Lücken im
US-Sicherheitssystem gegeben. Der Attentäter hätte niemals ein US-Flugzeug
besteigen dürfen, sagte der Präsident am Dienstag (Ortszeit) an seinem
Urlaubsort auf Hawaii. Es seien Warnungen übersehen worden. Obama sprach von
"potenziell katastrophalen" Mängeln im Sicherheitssystem und forderte personelle
Konsequenzen.
Die regionale Al-Kaida-Organisation im Jemen hat sich zu dem Attentat
bekannt und mit weiteren Terrorakten gedroht. Auch das Weiße Haus geht
inzwischen immer mehr von einer "gewissen Verbindung" des Täters zur Al Kaida
aus. Nach US-Medienberichten bereiten die USA bereits Militärschläge gegen die
Terroristen im Jemen vor, falls Obama einen Vergeltungsschlag befehlen sollte.
US-Geheimdienstkoordinator unter Druck
US-Geheimdienstkoordinator Dennis Blair gerät zunehmend in die Schusslinie
der Kritik. In Washington wurde am Mittwoch spekuliert, der für die
Zusammenarbeit der 16 US-Geheimdienste zuständige Blair könnte wegen
Versäumnissen im Vorfeld des Vorfalls zurücktreten müssen. Ein hochrangiger
Mitarbeiter sagte, Obama werde die Verantwortung für die Versäumnisse auf
höchster Ebene suchen. Dies verstanden einige Beobachter als Ankündigung
personeller Konsequenzen. Das Präsidialamt stellte sich jedoch öffentlich hinter
Blair und erklärte, dieser habe das volle Vertrauen des Präsidenten.
Massiv in der Kritik der oppositionellen Republikaner und der Medien steht
auch Heimatschutzministerin Janet Napolitano. Sie hattte nach dem
Anschlagsversuch zunächst erklärt, die Luftsicherheitsvorkehrungen hätten
funktioniert. (APA/Reuters)