Die ewige Suche nach Wahrheit

29. Dezember 2009, 18:57
27 Postings

Auch heuer wieder hat der Standard das neue ÖBB-Kursbuch genau gelesen - Auf Änderungen wird kaum hingewiesen

Normalerweise verschwenden die Autoren des ÖBB-Kursbuches kein Gramm Druckerschwärze für zusätzliche Hinweise auf selbst gravierende Änderungen bei Fahrplänen oder Streckenführungen. Es bleibt dem Bahnkunden überlassen, beim Fahrplanwechsel im Dezember die Geheimnisse zu lüften. Die Sperre des Wiener Südbahnhofs jedoch - der als Zentralbahnhof neu gebaut wird - zwang zu einer Ausnahme: Ganze vier Seiten widmet man nun der neuen Situation, bricht aber trotzdem nicht mit der liebgewordenen Tradition, die Suche nach der "Wahrheit" den Kunden zu überlassen.

So steht auf Seite 25, der Fernverkehr aus und nach dem Nordosten, der bisher in Wien Süd (Ostbahnhof) endete, werde bis Wiener Neustadt weitergeführt. Das stimmt aber lediglich zum Teil. Nur die bisher zwischen Wien und Prag verkehrenden Eurocitys 72/73 Gustav Mahler, 74/75 Franz Schubert, 76/77 Antonin Dvoøák, werden bis Wiener Neustadt verlängert. Der EC 102/103 Polonia beginnt seine Fahrt nach Warschau nun in Villach statt in Wien, der ÖBB-EC 78/79 Gustav Klimt beginnt seine Fahrt nach Prag in Graz, kommt aber in der Gegenrichtung über Wien-Meidling nicht hinaus. Der EC 104/105 Sobieski (Wien-Warschau) wird statt zum Südbahnhof nun zum Westbahnhof geleitet.

Doch damit noch nicht genug: Der EC 172/173 Vindobona (bisher Wien-Prag-Berlin-Hamburg/Altona) wird bis Villach verlängert, der EC 177 von und bis Berlin über Prag fährt statt nach Wien-Südbahnhof nun nach Wien-Praterstern.

Dass diese nicht gerade geringen Veränderungen nach ÖBB-Usus keinen besonderen Hinweis verdienen, überrascht nicht, weil nicht einmal der praktisch vollkommene Zusammenbruch der Bahnverbindungen nach Venedig einen Extravermerk wert ist. Tagsüber ist Venedig von Wien aus auf der Schiene nicht mehr zu erreichen. In Villach heißt es umsteigen, und zwar in den ÖBB-Intercitybus, der dann bis Venezia Piazzale Roma fährt.

Im Kursbuch fehlt überhaupt ein Hinweis auf diese Neuerung, welche ein zusätzliches Abschleppen mit dem Gepäck in Villach und eine Verlängerung der Reisezeit um etwa eine Stunde mit sich bringt, im Zusatzheft Fernverkehr sind wenigstens die Busverbindungen angeführt.

Auf der Internetseite der ÖBB liest man, der Intercitybus fahre sogar nach Italien und bilde eine perfekte Ergänzung zur Bahnreise. Frotzelei.

Die Abendverbindung nach Venedig bleibt aufrecht, allerdings heißt es in Venezia Mestre umsteigen - mitten in der Nacht. Der EN 235 Allegro Tosca streift auf seiner Fahrt nach Rom nur die Lagunenstadt und hält in Mestre um 3.11 Uhr. Der EN 1239 Allegro Rossini - ebenfalls Wien-Rom - stoppt in Mestre um 3.57 Uhr.

Keine Regel ohne Ausnahme: der EN 237 Allegro Don Giovanni fährt bis Venezia Santa Lucia, also direkt ins Zentrum der Stadt. Allerdings, der Zug beginnt in Wien Westbahnhof und wählt die Route über Salzburg, Badgastein und Villach nach Venedig, was die stolze Fahrzeit von fast 12 Stunden ergibt. (Bernd Orfer, DER STANDARD Printausgabe, 30.12.2009)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Es bleibt dem Bahnkunden überlassen, beim Fahrplanwechsel im Dezember die Geheimnisse zu lüften.

Share if you care.