Gesten, die von Intelligenz zeugen

  • Mit den Händen zu reden - wie hier Ex-US-Außenministerin Condoleezza Rice - hilft nicht nur bei der Übermittlung von Botschaften. Gestikulieren dürfte auch der Intelligenz guttun.
    foto: ap/markus schreiber

    Mit den Händen zu reden - wie hier Ex-US-Außenministerin Condoleezza Rice - hilft nicht nur bei der Übermittlung von Botschaften. Gestikulieren dürfte auch der Intelligenz guttun.

Forscher entdeckten, dass Schüler mit hoher Intelligenz beim Erklären von Denkaufgaben mehr gestikulieren

Gesten mit der Hand erleichtern nicht nur das Lernen, sondern könnten auch die Hirnentwicklung fördern.

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Wenn Menschen sprechen, gestikulieren sie meist. Selbst wenn sie ihren direkten Gesprächspartner nicht sehen können - etwa beim Telefonieren - reden sie mit den Händen. Sogar blinde Menschen gestikulieren. Wenn wir mit den Händen sprechen, vermitteln wir nicht nur dem Zuhörer eine Botschaft, die Zeichen mit den Händen spiegeln auch unsere Gedanken wider.

Dennoch weiß die Wissenschaft immer noch nicht ganz genau, warum wir eigentlich gestikulieren und woran es liegt, dass bestimmte Menschen mehr mit den Händen reden als andere. Die Nachwuchsforscherin Uta Sassenberg von der Humboldt-Universität zu Berlin und ihre Kollegen haben nun Unterschiede zwischen gestikulierenden und weniger gestikulierenden Personen festgestellt.

Zeichen der Hirnentwicklung

Ihre Untersuchung zeigt, dass das Reden mit den Händen eine Funktion der Entwicklung des Gehirns ist - und womöglich positiv zu dieser Entwicklung beiträgt.

In ihrer neuen Studie untersuchten Sassenberg und Kollegen von der Humboldt-Universität und der Universität Potsdam 51 Schüler aus drei Gymnasialklassen, die auf Mathematik und Naturwissenschaften spezialisiert sind. Die 17-jährigen Testpersonen mussten zunächst Intelligenztests absolvieren und wurden dann je nach Ergebnis einer von zwei Gruppen zugeordnet.

Im Anschluss daran sollten sie eine visuelle Aufgabe lösen, in der sie zu entscheiden hatten, ob zwei schachbrettähnliche Muster auf der linken Seite eines Computerbildschirms auf der gleichen Achse gespiegelt waren wie zwei andere Muster auf der rechten Seite des Bildschirms.

Nicht weiter überraschend stellte sich heraus, so Sassenberg, dass die Schüler mit hoher fluider (oder flüssiger) Intelligenz - also jenem Typ von Intelligenz, der zur Problemlösung, zum Lernen und zur Mustererkennung dient - dabei besser abschnitten als jene Jugendlichen mit einer durchschnittlichen fluiden Intelligenz.

Sehr viel interessanter war für die Psychologen und Hirnforscher, dass die Schüler mit hoher fluider Intelligenz sehr viel mehr gestikulierten, wie sie ihre Problemlösungsstrategie beschrieben. "Genauer gesagt, machten sie Gesten mit den Händen oder den Fingern, die kreisförmige Bewegungen um eine Achse simulierten" , berichtet die Doktorandin Sassenberg.

Überraschenderweise redeten alle Schüler in ihren Erklärungen über dieselben Dinge, doch kaum einer erwähnte das Rotieren. Als sich die Forscher aber ganz auf die Hände der Schüler konzentrierten und nicht auf das, was sie sagten, konnten sie zwischen jenen mit hoher und jenen mit mittlerer flüssiger Intelligenz unterscheiden.

"Wir gehen davon aus, dass die Gesten mit der Hand die Strategien imitierten, die die Schüler verwendeten, um die Aufgaben zu lösen" , erklärt Sassenberg. Was wiederum bedeutet, dass Personen mit höherer fluider Intelligenz sich mehr um Simulation zu bemühen scheinen als die anderen.

Als die Forscher dann Magnet-resonanz-Scans der Gehirne der Schüler machten, zeigte sich, dass bei den Probanden mit dem ausgeprägteren Gestikulieren und der höheren fluiden Intelligenz das kortikale Gewebe in einigen Regionen des Gehirns dicker war als bei den anderen.

"Denkmuskel" im Gehirn

"Diese Ergebnisse legen nahe, dass bestimmte Gehirnregionen bei Personen mit hoher flüssiger Intelligenz besser entwickelt sind - gerade so wie ein Muskel, der wächst, wenn er trainiert wird" , so Sassenberg.

Jüngste Theorien über die Gedankenverarbeitung betonen die Rolle der sogenannten Handlungssimulation. Experimente haben gezeigt, dass dieselben Hirnregionen aktiviert werden, wenn die Menschen sich bloß eine Handlung vorstellen und wenn sie diese tatsächlich ausführen.

"Noch wissen wir nicht, ob das Gestikulieren die Entwicklung flüssiger Intelligenz fördert oder bloß ein Nebenprodukt davon ist" , gesteht Sassenberg. "Aber wir wissen, dass Kinder, die beim Lernen neuer Aufgaben dazu angehalten werden, auf bestimmte Weise zu gestikulieren, besser lernen als Kinder, denen man das Gestikulieren untersagt." (red/DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2009)

Dieser Text entstand in Kooperation mit Atomium Culture, einer Plattform führender europäischer Universitäten und Tageszeitungen zur Stärkung wissenschaftlicher Exzellenz in Europa.

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