"Immer mehr Vieh und immer weniger Wasser"

29. Dezember 2009, 17:32
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In Darfur hat sich die Lage etwas beruhigt – die Probleme, die am Beginn des Konflikts standen, sind jedoch ungelöst

Geblieben sind ebenfalls zehntausende Flüchtlinge, die nicht nach Hause können oder wollen.

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Die Erleichterung ist dem Wali von Süddarfur anzumerken. "Im Sudan weiß man nie", war die Antwort auf die Frage, ob denn die Vorwahlen der regierenden NCP für die Kandidatur bei den Wahlen im April nicht ohnehin eine gemachte Sache für den Amtsinhaber seien. Jetzt verkündet Ali Mahmud stolz das Ergebnis: Über 120 Stimmen hat er bekommen, sein stärkster Konkurrent 40.

Er wird also wahrscheinlich auch der nächste Gouverneur von Süddarfur sein. Aber zum ersten Mal muss einer dafür Wahlkampf betreiben. In der Halle in Nyala ist der Ansturm auf die Urnen so groß, dass sich ein Ordner gegen die Abstimmungswilligen stemmen muss. Die meisten schreiben den Namen ihres Favoriten offen auf den Wahlzettel. Bis Wahlen einen Machtwechsel herbeiführen, das wird noch eine Weile dauern im Sudan, sagt ein Uno-Mitarbeiter.

Auch in den Flüchtlingslagern - sechs sind es, die rund um Nyala, die Hauptstadt des Süddarfur, liegen - wird gewählt werden, und die Rede des Ministers der süddarfurischen Regierung im Lager Otasch ist ein Wahlkampfauftritt. Ist nicht alles heute um so vieles besser, wird es nicht nur von den ausländischen Medien verzerrt dargestellt? Die Ältesten des Lagers Otasch hören ernst zu, erst auf Nachfrage tragen sie den Besuchern aus Österreich ihre Anliegen vor: Der Winter sei ein Problem, es gebe nicht genug Decken und Unterkünfte, auch das Essen könnte - trotz der von der Uno ausgegebenen Lebensmittel - mehr sein. Es fehlt Arbeit für die Frauen, die etwas zum Unterhalt ihrer Familien beitragen müssen: Denn 70 Prozent der 71.000 Lagerbewohner sind Frauen und Kinder.

Aber am meisten fehle Holz und Brennstoff, zum Kochen. Der Briefer der Unamid (UN African Mission in Darfur) wird später erzählen, dass in der Umgebung ein Kahlschlag allen Holzes stattfindet, um den Bedarf an Bauholz, Brennholz und Holzkohle zu decken.

Dass die Lage relativ ruhig ist, bestätigen die Lagerältesten ebenfalls. Die größte Bedrohung komme von kriminellen Banden. Die Regierung macht sie auch für die jüngsten Überfälle auf Peacekeeper und NGOs verantwortlich: Da würden schon die Autos Begehrlichkeiten wecken. Ein Geheimdienstmitarbeiter wirft den Internationals vor, oft eigenmächtig zu agieren - kein Wunder, wenn dann etwas passiert mit all den versprengten Rebellen. Es ist keine Liebe zwischen Khartum und der internationalen Präsenz hier.

"Es gibt keinen Krieg mehr in Darfur" ist auch der Tenor der Unabhängigen - aber eben auch keinen Frieden, und vor allem sind die Probleme alle noch da. Auch wenn der Konflikt im Rahmen der Doha-Gespräche, die im Jänner weitergehen, politisch beigelegt werden sollte, bleiben die Umweltprobleme, die zu den Ursachen des Kriegs gehören, bestehen, sagt Ali Hassan, somalischer Bürochef der Unamid in Nyala: "Immer mehr Vieh und immer weniger Wasser."

Allerdings, so ein europäischer Diplomat, haben die viehhaltenden Nomaden inzwischen die Erfahrung gemacht, dass auch nicht das Paradies ausbricht, wenn sie die Bauern erfolgreich vertreiben - es fehlt ein wichtiger Teil der Mikroökonomie, die Kunden für ihr Fleisch. Also beginnen sie, Heimkehrer zu ermutigen. Hassan erzählt, dass heute immer mehr Flüchtlinge in der Regenzeit die Lager verlassen, um zu Hause ihre Felder zu bestellen. Danach ziehen sie in die Lager zurück.

Im Lager beteuern alle, sofort für immer heimgehen zu wollen: Sie bräuchten dafür jedoch "Arrangements" . Abgesehen von den Sicherheitsproblemen in abgelegenen Gebieten wollen viele, so der Unamid-Briefer, nicht ohne Garantien und Entschädigungen zurückgehen, vor allem jene, deren politische Führer noch nicht in den Friedensprozess eingebunden sind.

Aber es ist auch ein von internationalen Organisationen bestätigtes Faktum, dass das lange Lagerleben die sozialen Strukturen und die Menschen verändert: Die bereitgestellte Infrastruktur, die oft jene in ihren angestammten Dörfern übertrifft, ist für manche attraktiver als eine Rückkehr. "Und die Jungen sitzen herum und tun nichts" , sagt Ali Hassan. Bis zu 50 Prozent der noch verbleibenden Flüchtlinge hier - laut dem Wali sind es 200.000, eine Zahl, die der Unamid-Briefer nicht bestätigt: Man wisse es nicht so genau, sagt er - werden in den Städten in Darfur integriert werden müssen, so die Schätzungen. Das ist eine große soziale Herausforderung. Und der größte Krieg, gibt uns einer der Ältesten mit auf den Weg, ist ohnehin der gegen die Armut. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2009)

  • Die Ältesten im großen Flüchtlingslager Otasch in der Nähe der süddarfurischen Hauptstadt Nyala: Alle wollen sie nach Hause, sagen sie, aber de facto werden sich viele in der Stadt ansiedeln.
    foto: standard/harrer

    Die Ältesten im großen Flüchtlingslager Otasch in der Nähe der süddarfurischen Hauptstadt Nyala: Alle wollen sie nach Hause, sagen sie, aber de facto werden sich viele in der Stadt ansiedeln.

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