Der Freiheitswunsch des labilen Südsudan

29. Dezember 2009, 17:30
1 Posting

Die regierende SPLM verliert an Beliebtheit – da kommt das Argument Unabhängigkeit im Wahlkampf gerade recht

Unsere Begleiter wollen uns zuerst nicht einmal aussteigen lassen, als wir auf der einzigen asphaltierten Straße durch die südsudanesische Hauptstadt Juba fahren. Und als wir es am Ufer des Weißen Nils dann doch tun und die idyllische Uferlandschaft - sonst ist dort nichts - fotografieren, ist sofort eine Gruppe von Männern der SPLA, der Südarmee, da. Erst der Name des Vizepräsidenten des Südsudan, Riek Machar, bei dem wir einen Termin haben, beruhigt sie.

Schwer ist die Begeisterung nachzuvollziehen, mit der Machar, der auch noch drei Minister der Südregierung zum Treffen mitgebracht hat, uns die "Fortschritte" in Juba anpreist, seit es von seiner Partei SPLM regiert wird. Wir haben eine ausufernde, verslumte Stadt gesehen, in der die Holzkohlenerzeugung - auch in der Umgebung von Juba wird alles abgeholzt - der wichtigste Wirtschaftszweig zu sein scheint. Aber nicht nur Holz ist knapp. Die Uno bestätigt, dass sie immer mehr Menschen ernähren muss. Und wir haben gehört, dass die Ausländer wegen der Unsicherheit nicht mehr in ihren Häusern, sondern nur in bewachten Hotelcompounds wohnen.

Konterkariert wird das Bild von den großen Anlagen der internationalen Organisationen in der Nähe des Flughafens. Aber wenn man sich die Internationals hier wegdenkt, bleibt nicht viel.

Im Südsudan sterben heute viel mehr Menschen als in Darfur, auf das sich die internationale Aufmerksamkeit jedoch nach wie vor konzentriert. Selbst- und Fremdbild der südsudanesischen SPLM-Regierung klaffen weit auseinander. Während die den Süden allein regierende SPLM Khartum alle Versäumnisse anlastet, berichten internationale Beobachter von Korruption und Misswirtschaft in der Südregierung, vor allem aber, dass die SPLM, und da konkret der Stamm der Dinka, alle anderen von der Macht fernhält.

Die Dinka teilten alles untereinander auf, sagt der SPML-Dissident Lam Akol, Exaußenminister, der eine eigene Partei, die SPLM for Democratic Change, gegründet hat. Sie ist jedoch im Süden verboten: "Weil sie eine Miliz hat" , sagt Machar. Akol solle doch nach Juba kommen und beweisen, dass er keine hat. Auch ein anderer prominenter Politiker aus dem Süden, Bona Malwal, klagt darüber, dass seine Auftritte behindert werden. Für die SPML sind diese Politiker alle Marionetten des Nordens.

Ein Uno-Mitarbeiter konzediert, dass die Südregierung - mit der die Zusammenarbeit besser sei als die mit Khartum - sehr wohl Fortschritte gemacht habe: Vieles davon wurde jedoch von der Wirtschaftskrise zunichte gemacht. Die niedrigeren Ölpreise tragen auch zu den wachsenden Spannungen zwischen der SPLM und den anderen bei: Es bleibe eben nicht mehr genug Geld für alle übrig.

Zu den inner- und intertribalen Spannungen kommt auch noch Destabilisierung von äußeren Akteuren. Am Tag vor unserem Besuch in Juba gibt es im Westen der Provinz eine Schlacht zwischen der nordugandischen LRA (Lord's Resistance Army) und der SPLA. Auf die Frage, ob Khartum die Gruppen, die die SPLM/SPLA und die Dinka bekämpfen, unterstützt, wie oft insinuiert wird, sagt eine Uno-Beamtin: "Keine Beweise" - aber jede Menge Gerüchte, unter anderen über Waffenlieferungen.

Ob jene Menschen im Süden, die gegen die SPLM sind, für oder gegen die Abspaltung vom Norden sind, kann auch niemand wirklich beantworten. Vor dem Referendum muss die SPLM erst einmal die Wahlen im April 2009 gewinnen, und im Wahlkampf ist die "Freiheit" - das heißt, die Unabhängigkeit von Khartum - das zündendste Argument. Kein SPLM-Politiker kann sich leisten, vor den Gefahren eines Bürgerkriegs, der gleich auf die Unabhängigkeit folgen könnte, zu warnen. Beobachter von außen sehen hingegen ein zweites Somalia heraufdämmern. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2009)

  • Ein Plakat der sudanesischen Bischofskonferenz in Juba: Die SPLM will, dass die Kirchen für ein Ja zur Abspaltung des Südsudan werben. "Gerechtigkeit" heißt übersetzt "Unabhängigkeit". Dass das auch Frieden bedeutet, bezweifeln viele Beobachter.
    foto: standard/harrer

    Ein Plakat der sudanesischen Bischofskonferenz in Juba: Die SPLM will, dass die Kirchen für ein Ja zur Abspaltung des Südsudan werben. "Gerechtigkeit" heißt übersetzt "Unabhängigkeit". Dass das auch Frieden bedeutet, bezweifeln viele Beobachter.

Share if you care.