"Druck, Druck, man muss Druck machen!"

29. Dezember 2009, 17:29
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Musikmanager Peter Oswald feiert mit seinem Klassik-Label zehnten Geburtstag und plant für Ende Juli 2010 in der Steiermark ein neues Festival für moderne Musik

Wien - Wenn man Peter Oswald, diesem Mix aus Impulsivität, Verkaufstalent und Intellektualität, ein Weilchen zugehört hat, möchte man meinen, der ehemalige Intendant des steirischen Herbstes würde auf seinem Label Kairos, das er mit seiner Frau Barbara Fränzen betreibt, am liebsten im Wochentakt eine neue CD herausbringen.

"Ich hoffe, dass Luigi Nonos Al gran sole carico d'amore zustande kommt - ich möchte das gerne machen. Ich habe noch nie so einen Nono-Sound gehört, wie bei den Salzburger Festspielen von den Wiener Philharmonikern! Auch die Orchesterstücke von Edgard Varese mit den Wienern einzuspielen wäre ein Traum. Aber natürlich wäre das Projekt auch mit dem Cleveland Orchestra toll. Wichtig ist mir auch Friedrich Cerha. Er ist CD-mäßig unterrepräsentiert, daran werden wir was ändern. Druck, Druck, man muss Druck machen!"

Oswald könnte ewig Projekte aufzählen, die ihm vorschweben; er klingt wie einer, der gerade ein Label gegründet hat und endlich loslegen möchte. Anders schafft man es wohl auch kaum, trotz eher trüber CD-Zeiten im anspruchsvollen Segment der Neuen Musik die Arbeit von Kompositionen niveauvoll zu dokumentieren - und finanziell dennoch solide dazustehen. "Als wir 1999 begannen, war der CD-Markt am Höhepunkt. Seitdem ist er eingebrochen, wir haben es trotzdem gut geschafft. Zunächst haben wir nur eigenes Geld reingesteckt, und natürlich galt es, Lehrgeld zu zahlen. Mittlerweile geht es uns aber immer besser."

Staunend hört man in diesem Zusammenhang, dass Kairos, das auch von Departure (Wiener Wirtschaftsförderungsfonds) unterstützt wurde, eine spanische Bank als Sponsor gewonnen hat: "Sie unterstützt uns mit 480.000 Euro für drei Jahre, damit wir uns um die spanische Szene kümmern. Es gibt übrigens weitere spanische Banken, die sich für uns interessieren." Hierzulande? "Da gibt es eine Kooperation mit der Erste Bank, sonst ist es schwer. Es gelingt nicht einmal, ein Institut dazu zu überreden, ein Kontingent an CDs zu erwerben, um es Kunden als Weihnachtsgeschenk zu überreichen."

Der Überzeugte

Wie schwer alles bisweilen womöglich gewesen sein mag - an der Qualität wurde nie gespart. "Wenn ich von etwas überzeugt bin, stehe ich dahinter, ob es Kohle bringt oder nicht. Ich möchte mich in zehn bis 15 Jahren immer noch an den Dingen erfreuen können. Hin und wieder habe ich natürlich bereut, etwas nicht geschafft zu haben. Etwa ein Projekt von Komponist Gerard Grisey. Es ärgert mich, dass ich damals doch keinen Kredit aufgenommen habe. Wir geben an die 16 CDs pro Jahr heraus - mehr geht nicht. Aber in dem Punkt gibt es ständig Diskussionen zwischen mir und meiner Frau. Ich will natürlich immer noch etwas mehr machen ..."

Auch so braucht sich Oswald über mangelnde Resonanz nicht zu beklagen. Wer sich etwa grundsätzlich informieren will, welche internationalen Auszeichnungen im CD-Bereich existieren, muss nur die Homepage von Kairos konsultieren. Das Label hat fast alle Preise gewonnen. Mehrmals. Und natürlich aus Gründen, die mit dem Labelkonzept zusammenhängen: Es geht um den Einsatz erstklassiger Interpreten wie Klangforum Wien und Ensemble Modern. Es geht um als relevant eingestufte historische und aktuelle Komponisten und um künstlerische Nachhaltigkeit. Der mittlerweile über 100 Produktionen umfassende Katalog wird lebendig gehalten, indem fast alle CDs durch Nachpressungen weiterhin erhältlich bleiben. Zudem nicht unwesentlich: Es soll auch der eingefangene musikalische Augenblick klanglich überzeugen, was bedeutet, vor allem im Studio aufzunehmen. "Nicht alle Aspekte der Werke können in einer Liveaufführung eingefangen werden" , so Oswald. Schließlich wäre da die aufwändige Covergestaltung durch bildende Künstler und die Booklets, die anspruchsvolle Texte enthalten.

Neues Festival in St. Gallen

"Es geht in Zeiten der Downloads bei uns auch um die haptische, bibliophile Qualität. Damit stemmt man sich auch gegen die CD-Krise. Wir wollen zudem ein neues Marketingkonzept umsetzen. Ich habe keine Chance, jene zu erreichen, deren Musikgeschmack bei Tschaikowsky endet. Ich muss also auch Leute erreichen, die Interesse an der bildenden Kunst, an Architektur und Film haben."

Sie alle werden Oswald hoffentlich im kommenden Sommer in die Steiermark, nach St. Gallen, folgen, wo er eine ganz neue Sache, ein neues Festival nämlich, beginnt. Es heißt Arcana, ist einem Werk von Edgard Varese nachempfunden und soll sich (von 28. Juli bis 8. August 2010) natürlich der Musikmoderne widmen. "Das ist einmal bis 2014 als musikalisches Energiezentrum konzipiert. Die ganze Region vibriert!" (DER STANDARD/Printausgabe, 30.12.2009)

  • Peter Oswald und seine Frau Barbara Fränzen, die Leiter des Moderne-Labels Kairos.
    foto:felix oswald

    Peter Oswald und seine Frau Barbara Fränzen, die Leiter des Moderne-Labels Kairos.

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