Osten im Bann der Fremdwährungskredite

29. Dezember 2009, 22:20
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Binnen weniger Jahre explodierte die Zahl der Fremdwährungs­kredite. Auch Österreichs Banken heizten die Entwicklung mit an

Wien - Als in Ungarn nach der Wende die Privatisierungswelle einsetzte, wurden über Nacht tausende bis dahin nur mietbare Wohnungen auf den Markt geworfen. Die Folge: In den 90ern kostete eine Wohnung Baujahr 1970 in Budapest so viel wie ein VW-Golf.

Wachstum und die steigende Nachfrage führten nach der Jahrtausendwende zu einer Preisexplosion - in Budapest wie in Prag, Zagreb und Kiew. Wer sich jetzt etwas leisten wollte, ging zur Bank. In Osteuropa erlebten Fremdwährungskredite einen Boom. Mit den Folgen dieser Entwicklungen kämpft die Region bis heute.

Zu Wochenbeginn hat Ungarns Regierung die bisher umfassendsten Maßnahmen zur Eindämmung der Fremdwährungskredite beschlossen. Demnach darf künftig bei Hypotheken, die etwa in Schweizer Franken oder Yen finanziert werden, 30 Prozent des Immobilienwertes nicht übersteigen, bei Euro sind es 54 Prozent des Immobilienwerts. "Einer der Gründe, warum Ungarn so hart von der Krise getroffen wurde, sind die Fremdwährungskredite" , heißt es in der Regierungserklärung.

Große Nervosität

Die Nervosität ist nicht unbegründet. In Ungarn gibt es 1,7 Millionen Fremdwährungskredite. Das Problem entsteht, wenn lokale Währung abwerten. Der Forint, der in der Krise abstürzte, hat sich inzwischen teilweise wieder erholt. Die ukrainische Griwna hat aber 60 Prozent an Wert verloren. Hoher Fremdwährungsanteil und Abwertungen trafen auch Rumänien und Polen. Andere Staaten wie Lettland können wegen der Devisenkredite ihre Währungen nicht abwerten um so ihre Exportwirtschaft zu stärken.

Aber warum verschuldeten sich gerade in Zentral- und Osteuropa so viele Menschen in ausländischen Währungen und tappten damit in die Falle? Und welche Rolle spielten dabei österreichische Baken? Eine Dissertation an der WU-Wien bringt einige neue Erkenntnisse. Untersucht wurden Angebots- und Nachfragefaktoren sowie Effekte staatlicher Regulierung.

Kunden griffen naturgemäß zu Fremdwährungskrediten, um der hohen Zinslast der Eigenwährung zu entgehen. In Tschechien und der Slowakei waren lokalen Zinsen seit Jahren niedriger, weshalb es in diesen beiden Staaten nur wenige Fremdwährungskredite gibt.

Das erklärt das Phänomen aber nicht abschließend, hinzu traten weitere Faktoren. Ein klarer Antreiber war die EU. In Erwartung eines Beitrittes und in Spekulation auf eine Euro-Einführung griffen Menschen öfter zu Fremdwährungen. Ob Einkommen in Devisen bezogen wurde, war kein Faktor. Belegbar ist hingegen ein "Herdenverhalten" : Als die Welle losbrach, wollten alle Franken, Dollar und Yen. Gekauft wurde mit den Krediten übrigens alles: Wohnungen, Autos und Kühlschränke. In Rumänien waren es sogar primär Gegenstände für den Privatkonsum. Ein weiterer wesentlicher Faktor war die Marktpräsenz ausländischer, also auch österreichischer Banken. Je mehr fremde Banken, desto mehr Fremdwährungskredite. Die Österreicher waren laut Studienautorin Katharina Steiner besonders fleißig: In mehreren Staaten, darunter Rumänien, Ungarn, Ukraine und Kroatien, vergaben österreichische Banken einen höheren Anteil an Fremdwährungskrediten als die Konkurrenz.

Während Banken auf die bei Fremdwährungskrediten höheren Spesen schielten, blieben staatlichen Regulierungsversuche lange Zeit zu zaghaft. Mit Ausnahme Kroatiens und Litauens gelang es vor der Krise nirgends, die Devisenkredite einzudämmen. So waren im Rekordjahr 2006 in Osteuropa Fremdwährungskredite in Höhe von 25 Prozent des BIPs der Region vergeben. "Die Haushalte haben Risiken einer Währungsabwertung nie wahrgenommen" , sagt Steiner. "Konsumenten und Banken haben für sich rational gehandelt, damit allerdings ein unüberschaubares Risiko geschaffen." (András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 30.12.2009)

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    Wachstum und die steigende Nachfrage führten nach der Jahrtausendwende zu einer Preisexplosion - in Budapest, Prag, Zagreb und Kiew. Wer sich jetzt etwas leisten wollte, ging zur Bank.

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