"Unabhängig von der Institution"

29. Dezember 2009, 17:25
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Der Sinn einer gemeinschaftlichen Forschungsinfrastruktur der EU liege in der Bündelung der Ressourcen, meint der Esfri-Vorsitzende Carlo Rizzuto - Sascha Aumüller stellte die Fragen

STANDARD: Welche Perspektiven hat Esfri für das Jahr 2010 ?

Rizzuto: Es wird wieder ein Update der Roadmap von 2008 geben. Bis zum 31. 12. läuft noch die Einreichfrist für Projekte aus den Bereichen Energie, Landwirtschaft und Biotechnologie. Ein Schwerpunkt könnten zusätzliche gesamteuropäische Forschungseinrichtungen für erneuerbare Energien sein.

STANDARD: Eine Konzession an die mageren Kopenhagen-Ergebnisse?

Rizzuto: Nein, diese Bestrebungen gab es bereits vor Kopenhagen, sie werden konsequent weiterverfolgt.

STANDARD: Warum dieses Update, wenn durch die Wirtschaftskrise nicht einmal die Umsetzung der bestehenden Projekte gesichert ist?

Rizzuto: Erstens ist schon die Tatsache, dass es eine solche gemeinsame europäische Roadmap überhaupt gibt, eine Sensation. Aber sie muss auch weiterhin dynamisch bleiben. Zweitens wurden bereits zehn (von 44, Anm. d. Red.) Projekte implementiert. Dafür war der neue Rechtsrahmen für ein europäisches Konsortium für die jeweilige Forschungsinfrastruktur, also Eric, sehr wichtig. Und dann gibt es da noch Länder, die die Krise als Chance verstanden und das Forschungsbudget erhöht haben.

STANDARD: Nicht für alle lautet die Entscheidung so wie für Österreich: entweder Cern oder Esfri, weil sich beides nur schwer ausgeht.

Rizzuto: Frankreich und die Niederlande haben ihre Budgets jedenfalls erhöht. Aber die unterschiedlichen Beteiligungen sollten nie als Widerspruch gesehen werden. Die Ressourcen der Einzelstaaten werden über Esfri ja gebündelt, da geht es also um eine rationale Investition, die unabhängig von der Institution gemacht wird.

STANDARD: Apropos rationale Investition: Bei der Beteiligung am Cern kann zumindest nachverfolgt werden, wie viel Geld über Umwege wieder hereinkommt - wie macht Esfri diesen Nutzen sichtbar?

Rizzuto: Wir versuchen Best-Practice-Beispiele zu geben. Aber es stimmt, dass viele Nationalstaaten vor der Investition erst einmal den sozio-ökonomischen Vorteil für die eigene Region kennen wollen.

STANDARD: Also ist die Bündelung der Ressourcen in einer gemeinschaftlichen Forschungsinfrastruktur als Argument für eine Beteiligung doch nicht attraktiv genug?

Rizzuto: Es wird jedenfalls immer offensichtlicher, dass diese Bündelung der nationalen Beteiligungen künftig auch verstärkt durch EU-Mittel unterstützt werden muss. Ein Teil des EU-Budgets müsste also schon von der Landwirtschaft zur Forschung wandern. Die EU bekommt dafür ja auch die beste Qualität von Forschungseinrichtungen, und das gegenseitige Ausspielen von Infrastrukturen untereinander hört dadurch auf. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2009)


Zur Person
Carlo Rizzuto ist seit März 2008 Vorsitzender von Esfri. 1999 wurde der Physiker mit Lehrstuhl in Genua Geschäftsführer von Sincrotrone in Triest, das den Teilchenbeschleuniger Elettra betreibt.

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