FWF-Chef Kratky: Kein großes Anliegen der Politik - Technologieexperte Schibany: Forschungsstrategie geht in "eigenartige Richtung"
Wien - Die Wirtschaftskrise hatte 2009 auch die Forschung fest im
Griff: Das bestätigte vor wenigen Tagen nicht nur die OECD in ihrem
"Technologie- und Innovations-Bericht 2009", sondern auch das
Wissenschaftsmagazin Science. In Österreich fällt die Bilanz gemischt aus:
Während der Wissenschaftsfonds FWF auf eine dramatische erste Jahreshälfte mit
einem mehrmonatigen Förderstopp zurückblickt, hat die
Forschungsförderungsgesellschaft FFG um 16 Prozent mehr gefördert als 2008. In
die Zukunft blicken Experten sorgenvoll, sie fürchten um die Grundlagenforschung
in Österreich.
Die Erstellung des Bundesbudgets in den ersten Monaten der Wirtschaftskrise
hatte auch Auswirkungen auf die Forschung: FWF-Präsident Christoph Kratky
erinnerte an die ursprünglich von der Regierung in
Aussicht gestellten Sondermittel für Forschung in Höhe von 2,3 Mrd. Euro, die
dann auf 350 Mio. Euro gesunken seien. Das sei eine "wirklich dramatische
Zuspitzung der Situation" gewesen. Die mehrmonatige Budgetunsicherheit am
Jahresbeginn zwang den FWF, seine Fördertätigkeit fast ein halbes Jahr zu
sistieren.
Das sei zwar repariert worden und der Fonds habe ein stabiles Budget
bekommen. Doch das Vergabebudget sei gegenüber 2008 um 20 Prozent gesunken, die
Erstattung der Overhead-Kosten musste wieder abgeschafft und neue Programme
konnten nicht gestartet werden. Kratky fühlt sich an den "Tante-Jolesch"-Spruch
erinnert: "Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist."
Mehr Mittel für angewandte
Forschung
Und nun ortet Kratky eine neue Entwicklung, die ihm gar nicht gefällt: "Wir
erleben jetzt, dass Mittel sehr systematisch in die angewandte
Forschung verschoben werden." Als Beispiele nannte er den anteilsmäßigen Verlust
der Grundlagenforschung bei der Nationalstiftung für Forschung oder die
Ankündigung von Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), die Forschungsprämie für
Unternehmen von derzeit acht auf zwölf Prozent zu erhöhen. Alarmiert ist Kratky
auch durch eine Wortmeldung von Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl.
Dieser habe bei der Auftaktveranstaltung für die geplante Forschungsstrategie
erklärt, Österreich brauche keine Grundlagen-, sondern angewandte Forschung.
Kein Wunder, dass Kratky derzeit "nicht das Gefühl hat, dass die
Grundlagenforschung der Politik ein großes Anliegen ist".
Eine Einschätzung, die auch Andreas Schibany vom Institut für Technologie-
und Regionalpolitik des Joanneum Research teilt. Für ihn geht es bei der derzeit
in Ausarbeitung befindlichen Forschungsstrategie "in eine sehr eigenartige
Richtung". In einer Krisensituation sei staatliches Handeln sicher notwendig,
etwa beim Risikokapital-Markt, der in Österreich völlig weggebrochen sei. Man
dürfe aber auf langfristige Maßnahmen wie Bildung, Grundlagenforschung,
Rahmenbedingungen, etc. nicht vergessen. Kurzfristige Maßnahmen wie die Erhöhung
der Forschungsprämie hätten dagegen mit einer Strategie nichts zu tun.
Schibany fürchtet, dass langfristige Maßnahmen in den für die Ausarbeitung
einer Forschungsstrategie verantwortlichen Arbeitsgruppen "zu kurz kommen".
"Mein bisheriger Eindruck ist, dass die Politik nicht gelernt hat strategisch zu
denken, sondern sich eher an Födervolumina oder -programmen orientiert." Hinzu
komme auch ein gewisses mechanistisches Denken, wo man jetzt etwas ins System
hineingebe und in ein paar Jahren gewisse Outputs wie Wachstumseffekte oder
Arbeitsplätze erwarte. "Das spielt es nicht. Das ist eine Art von
Output-Orientierung, die die Forschung eher abwürgt, in ein Korsett zwingt und
nichts Gutes bedeutet", betonte Schibany.
Der Technologie-Experte erinnert an Länder wie Finnland, Schweden oder die
Schweiz, also sogenannte "innovation leaders", zu denen sich auch Österreich
gerne zählen würde. Diese hätten im Gegensatz zu Österreich keine steuerliche
F&E-Förderung, würden aber andererseits deutlich mehr für Bildung und den
Hochschulsektor ausgeben.
Die vorläufige Bilanz der Forschungsförderungsgesellschaft FFG klingt fast
schon wie eine Bestätigung der Tendenz in Richtung angewandte Forschung: Im
Bereich der FFG-Basisprogramme wurden 2009 311 Mio. Euro für Forschungsförderung
in österreichischen Unternehmen ausgegeben, um 36 Mio. Euro mehr als 2008. Die
Zahl der Anträge lag um 7,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahres, wie die FFG mitteilte. 908 Forschungsprojekte wurden schließlich
gefördert (2008: 841). Davon entfielen 83 Prozent auf Klein- und Mittelbetriebe
mit weniger als 250 Mitarbeitern.
Befreiung von unnötigen Bürokratismen
Weil man mit einer auch 2010 angespannten Wirtschaftslage rechnet, wollen
FFG-Geschäftsführer Henrietta Egerth und Klaus Pseiner im kommenden Jahr die
Unternehmen noch besser unterstützen. So sollen etwa das Angebot für
Neueinsteiger vertieft und die Empfehlungen aus der Systemevaluierung der
österreichischen Forschungsförderung umgesetzt werden. "Das heißt konkret vor
allem die 'Time to Contract' zu verkürzen und die Richtlinien von unnötigen
Bürokratismen zu entschlacken", so die FFG-Chefs. Voraussetzung dafür seien mehr
Autonomie der FFG bei Programmdesign und -abwicklung sowie steigende Budgets von
plus zehn Prozent pro Jahr. Ab 1. Jänner stellt die FFG zudem auf eine
elektronische Antragstellung um.
International hat laut OECD das erste Halbjahr wieder einmal gezeigt, dass in
wirtschaftlich schwierigen Zeiten als erstes die Ausgaben für Forschung und
Entwicklung (F&E) sowie Risikokapital gekürzt werden. So hat das
Risikokapital in den USA in den ersten drei Monaten um 60 Prozent gegenüber dem
gleichen Zeitraum 2008 abgenommen. Die an der New Yorker Börse gehandelten
Unternehmen haben im ersten Quartal 2009 ihre F&E-Ausgaben um sieben Prozent
reduziert.
Dies ist auch der Wert, den Siemens Österreich-Chefin Brigitte Ederer im
November für ihr Unternehmen genannt hat: Im vergangenen Geschäftsjahr habe
Siemens knapp 900 Mio. Euro in F&E investiert, rund sechs bis sieben Prozent
weniger als im Jahr davor. "Der Rückgang war nicht so stark wie ich befürchtet
habe", sagte Ederer.
"Science" berichtete knapp vor Weihnachten von massiven Schwierigkeiten
öffentlicher US-Unis angesichts gekürzter staatlicher Förderung und ebenso
großen Problemen der großen, renommierten Privat-Unis in den USA wegen
dahinschmelzender Stiftungsvermögen. Auch Italien oder Portugal hätten die
Uni-Budgets zwischen zehn und 20 Prozent gekürzt. (red/APA)