Krisenjahr für Wissenschaft

Forscher sorgen sich um Grundlagenforschung

29. Dezember 2009 12:56
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    Foto: apa/pfarrhofer

    FWF-Präsident Christoph Kratky fürchtet um Mittel für die Grundlagenforschung: "Wir erleben jetzt, dass Mittel sehr systematisch in die angewandte Forschung verschoben werden."

FWF-Chef Kratky: Kein großes Anliegen der Politik - Technologieexperte Schibany: Forschungsstrategie geht in "eigenartige Richtung"

Wien - Die Wirtschaftskrise hatte 2009 auch die Forschung fest im Griff: Das bestätigte vor wenigen Tagen nicht nur die OECD in ihrem "Technologie- und Innovations-Bericht 2009", sondern auch das Wissenschaftsmagazin Science. In Österreich fällt die Bilanz gemischt aus: Während der Wissenschaftsfonds FWF auf eine dramatische erste Jahreshälfte mit einem mehrmonatigen Förderstopp zurückblickt, hat die Forschungsförderungsgesellschaft FFG um 16 Prozent mehr gefördert als 2008. In die Zukunft blicken Experten sorgenvoll, sie fürchten um die Grundlagenforschung in Österreich.

Die Erstellung des Bundesbudgets in den ersten Monaten der Wirtschaftskrise hatte auch Auswirkungen auf die Forschung: FWF-Präsident Christoph Kratky erinnerte an die ursprünglich von der Regierung in Aussicht gestellten Sondermittel für Forschung in Höhe von 2,3 Mrd. Euro, die dann auf 350 Mio. Euro gesunken seien. Das sei eine "wirklich dramatische Zuspitzung der Situation" gewesen. Die mehrmonatige Budgetunsicherheit am Jahresbeginn zwang den FWF, seine Fördertätigkeit fast ein halbes Jahr zu sistieren.

Das sei zwar repariert worden und der Fonds habe ein stabiles Budget bekommen. Doch das Vergabebudget sei gegenüber 2008 um 20 Prozent gesunken, die Erstattung der Overhead-Kosten musste wieder abgeschafft und neue Programme konnten nicht gestartet werden. Kratky fühlt sich an den "Tante-Jolesch"-Spruch erinnert: "Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist."

Mehr Mittel für angewandte Forschung

Und nun ortet Kratky eine neue Entwicklung, die ihm gar nicht gefällt: "Wir erleben jetzt, dass Mittel sehr systematisch in die angewandte Forschung verschoben werden." Als Beispiele nannte er den anteilsmäßigen Verlust der Grundlagenforschung bei der Nationalstiftung für Forschung oder die Ankündigung von Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), die Forschungsprämie für Unternehmen von derzeit acht auf zwölf Prozent zu erhöhen. Alarmiert ist Kratky auch durch eine Wortmeldung von Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl. Dieser habe bei der Auftaktveranstaltung für die geplante Forschungsstrategie erklärt, Österreich brauche keine Grundlagen-, sondern angewandte Forschung. Kein Wunder, dass Kratky derzeit "nicht das Gefühl hat, dass die Grundlagenforschung der Politik ein großes Anliegen ist".

Eine Einschätzung, die auch Andreas Schibany vom Institut für Technologie- und Regionalpolitik des Joanneum Research teilt. Für ihn geht es bei der derzeit in Ausarbeitung befindlichen Forschungsstrategie "in eine sehr eigenartige Richtung". In einer Krisensituation sei staatliches Handeln sicher notwendig, etwa beim Risikokapital-Markt, der in Österreich völlig weggebrochen sei. Man dürfe aber auf langfristige Maßnahmen wie Bildung, Grundlagenforschung, Rahmenbedingungen, etc. nicht vergessen. Kurzfristige Maßnahmen wie die Erhöhung der Forschungsprämie hätten dagegen mit einer Strategie nichts zu tun.

Schibany fürchtet, dass langfristige Maßnahmen in den für die Ausarbeitung einer Forschungsstrategie verantwortlichen Arbeitsgruppen "zu kurz kommen". "Mein bisheriger Eindruck ist, dass die Politik nicht gelernt hat strategisch zu denken, sondern sich eher an Födervolumina oder -programmen orientiert." Hinzu komme auch ein gewisses mechanistisches Denken, wo man jetzt etwas ins System hineingebe und in ein paar Jahren gewisse Outputs wie Wachstumseffekte oder Arbeitsplätze erwarte. "Das spielt es nicht. Das ist eine Art von Output-Orientierung, die die Forschung eher abwürgt, in ein Korsett zwingt und nichts Gutes bedeutet", betonte Schibany.

Der Technologie-Experte erinnert an Länder wie Finnland, Schweden oder die Schweiz, also sogenannte "innovation leaders", zu denen sich auch Österreich gerne zählen würde. Diese hätten im Gegensatz zu Österreich keine steuerliche F&E-Förderung, würden aber andererseits deutlich mehr für Bildung und den Hochschulsektor ausgeben.

Die vorläufige Bilanz der Forschungsförderungsgesellschaft FFG klingt fast schon wie eine Bestätigung der Tendenz in Richtung angewandte Forschung: Im Bereich der FFG-Basisprogramme wurden 2009 311 Mio. Euro für Forschungsförderung in österreichischen Unternehmen ausgegeben, um 36 Mio. Euro mehr als 2008. Die Zahl der Anträge lag um 7,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahres, wie die FFG mitteilte. 908 Forschungsprojekte wurden schließlich gefördert (2008: 841). Davon entfielen 83 Prozent auf Klein- und Mittelbetriebe mit weniger als 250 Mitarbeitern.

Befreiung von unnötigen Bürokratismen

Weil man mit einer auch 2010 angespannten Wirtschaftslage rechnet, wollen FFG-Geschäftsführer Henrietta Egerth und Klaus Pseiner im kommenden Jahr die Unternehmen noch besser unterstützen. So sollen etwa das Angebot für Neueinsteiger vertieft und die Empfehlungen aus der Systemevaluierung der österreichischen Forschungsförderung umgesetzt werden. "Das heißt konkret vor allem die 'Time to Contract' zu verkürzen und die Richtlinien von unnötigen Bürokratismen zu entschlacken", so die FFG-Chefs. Voraussetzung dafür seien mehr Autonomie der FFG bei Programmdesign und -abwicklung sowie steigende Budgets von plus zehn Prozent pro Jahr. Ab 1. Jänner stellt die FFG zudem auf eine elektronische Antragstellung um.

International hat laut OECD das erste Halbjahr wieder einmal gezeigt, dass in wirtschaftlich schwierigen Zeiten als erstes die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) sowie Risikokapital gekürzt werden. So hat das Risikokapital in den USA in den ersten drei Monaten um 60 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum 2008 abgenommen. Die an der New Yorker Börse gehandelten Unternehmen haben im ersten Quartal 2009 ihre F&E-Ausgaben um sieben Prozent reduziert.

Dies ist auch der Wert, den Siemens Österreich-Chefin Brigitte Ederer im November für ihr Unternehmen genannt hat: Im vergangenen Geschäftsjahr habe Siemens knapp 900 Mio. Euro in F&E investiert, rund sechs bis sieben Prozent weniger als im Jahr davor. "Der Rückgang war nicht so stark wie ich befürchtet habe", sagte Ederer.

"Science" berichtete knapp vor Weihnachten von massiven Schwierigkeiten öffentlicher US-Unis angesichts gekürzter staatlicher Förderung und ebenso großen Problemen der großen, renommierten Privat-Unis in den USA wegen dahinschmelzender Stiftungsvermögen. Auch Italien oder Portugal hätten die Uni-Budgets zwischen zehn und 20 Prozent gekürzt. (red/APA)

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19 Postings
potz
30.12.2009 18:07

Was für Ahnung hat Leitl von Forschung? Richtig: keine.

Aber man muss sich trösten: auch in den Jahren vo Grundlagenforschung der Politik 'ein grosses Anliegen' war, hat sie sie verkommen lassen.

Politiker haben folgende Prioriätenliste:
1. Bierzelt
2. Sekt und seitenblicke
3. Für die eigene Karriere danach sorgen

derpapst
30.12.2009 12:12
dafür haben wir jetzt eine elite uni, die dann nobelpreisträger am fließband produziert, gell

Herr Plumm
30.12.2009 08:47

offensichtlich interessiert dieses thema auch nicht gerade viele (wenn man sich die anzahl der poster ansieht). orf gis themen hingegen sind da das absolute gegenteil.

die ösis machen sich halt null gedanken um ihre zukunft wenns um patente usw. geht...aber wenn der prostatakrebs drückt, dann will jeder die beste therapie.

Ligationsmix
30.12.2009 11:27

Man merkt eben doch wie klein dieses Land ist...

R.U.GAY
30.12.2009 10:55
Traurig...

...aber wahr.

Gendo
30.12.2009 10:52

Also mehr als salbungsvolle Worte gibts von Seiten des FWF meist nicht (vor allem vom Vorsitzenden, der zumindest darin sehr gut ist).
Die Auswirkung dieser Politik ist erst in einer Zeit zu spühren wo Perioden abgelaufen und handelnde Personen im die Pesnion oder Sarg entschwunden sind. Und selbst wenn nicht werden es nicht die sein die darunter leiden!

Herr Plumm
29.12.2009 17:56

einerseits verständlich dass applied science unmittelbar mehr bringt als basic science. aber auf lange sicht gesehen sichert man sich mit basic science halt "grundlegende" patente die dann, mit etwas glück zu sehr vielen patenten aus der applied science führen...

aber man ist halt ein bissl kurzsichtig...

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
29.12.2009 20:15

Unter den Voraussetzungen, dass die Grundlagenforscher auch (1) sinnvolle Projekte einreichen, (2) nicht nur die Zeit zur Pension absitzen.

Für ambitionierte Forschung wäre eine verstärkte Initiative zu mehr postdoc Stellen und ein ordentliches tenure track System (nicht das noch immer existierende Assistenen System) sinnvoll.

potz
30.12.2009 18:09

absolute zustimmung: ein tenure track gehoert her, bei dem die jungen etwas aufbauen koennen, und nicht von den alten sesselhockern abhaengig sind.

uinsel
30.12.2009 12:41

grundlagenforscher sind solche geworden, weil sie das, was sie tun, interessiert. sonst wären sie beamte.

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
30.12.2009 12:48

Viele Grundlagenforscher sind rechtlich Beamte. Und das merkt man.

carbonara
31.12.2009 16:41
Es gibt nichts dazwischen.....

Einerseits die beamteten Grundlagenforscher; diese haben einen sicheren Posten, ziemlich schönes Gehalt samt üppigem Pensionsanspruch und keinen Leistungsdruck.

Auf der anderen Seite Postdocs, die auf befristeten (meist Teilzeit-) Stellen (Vollzeit) arbeiten. Ergebnisse werden von diesen hingegen schon nach kurzer Zeit erwartet - sonst ist die Aussicht, das Projekt zu verlängern, sehr sehr gering - die modernen Taglöhner sozusagen.

Ideal natürlich, wenn man finanziell unabhängig wäre
(siehe: über Robert Boyle (sehr bedeutender und erfolgreicher irischer Naturforscher 1626-1691):
"Da Boyle vermögend war, musste er keinem Broterwerb nachgehen, sondern konnte sich ganz den naturwissenschaftlichen Studien widmen"
(Quelle: Wikipedia)

Pannonia Jack
29.12.2009 20:52

Was sinnvoll ist, lässt sich vorher nicht mit Bestimmtheit sagen!

Zu Punkt 1: Joseph von Fraunhofer hat sich unter anderem mit Licht beschäftigt oder Thomas Young hat als erster das bedeutende Doppelspaltexperiment durchgeführt - damals wird es auch Leute gegeben haben, die solche "Spielereien" als unnützlich abgetan haben.
Zu Punkt 2: Das "nur Zeit zur Pension absitzen" bezieht sich wohl eher auf Politiker!

Aber wer braucht schon Grundlagenforschung - Tourismus ist auch ganz toll!

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
29.12.2009 21:18
" bezieht sich wohl eher auf Politiker! "

Anscheinend haben Sie noch nie eine Uni von Innen erlebt - und was es dort an lebendem Inventar so gibt - bzw. sind sofort nach dem Erstabschluss in den Tourismus (?) oder sonstwohin gegangen.

Gendo
30.12.2009 10:48

Also wenn Sie die Unis von innen kennen würden, dann würden Sie wissen das das lebene Inventar die letzten sind die Anträge einreichen (wäre zu viel Aufwand).

Gallo Way
30.12.2009 02:00

Na sie sind ja aber ein sachlicher Diskutand. Ein ordentliches tenure track system? Hmmmm ist das die Banane mit der man den Affen locken will? Viele Publikationen brauchts aber dazu? Ob der Druck die Qualität steigert hmmmm? Meiner Erfahrung führt das dazu das viele ähnliche Artikel rausproduziert werden mit eben jenem eher insignifikanten Inhalten.

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
30.12.2009 10:22

Finden Sie die jetzige Situation so toll?
Meist Professoren, die zu einem grossen Teil noch pragmatisiert sind, so tun als würden sie etwas arbeiten, praktisch nichts publizieren, auf keine Kongresse fahren oder immer das gleiche präsentieren, und intern nur intrigieren.
Auf der anderen Seite Dissertanten , die nach dem Abschluss vor dem nichts stehen, als einzige Möglichkeit eine sog. "Assistentenstelle", wo sie dem alten Prof. hinterherhoserln.
In einem tenure track system bekommen die Leute, die Möglichkeit unabhängig eine eigene Arbeitsgruppe aufzubauen. Hier ist das nur mit workarounds möglich.
Wen wundert es also, dass höchstens naive Idealisten, nach Auslandsaufenthalten zurückkehren.

Gallo Way
30.12.2009 12:05

Ja also ich kann mir auch besseres vorstellen als an einer österreichischen Uni zu forschen. War selber ein Jahr in den USA und die haben einfach mehr Ressourcen und mehr support. Eine Stelle im Ausland und ich bin weg ^^ Hmmm aber so schlimm wie sie das darstellen kenn ich das nicht. Ich weiß ja nicht auf welcher Uni sie diese Erfahrungen gemacht haben. Ich kenn nur ein paar die pragmatisiert und nutzlos sind und das sind Einzelfälle die keinen Einfluss an der Uni haben und für jene Studenten gut sind die leichte Arbeiten schreiben wollen. Alles andere ist anspruchsvoll und es wird auch publiziert nur hilft das ganze publizieren nicht wenn nur Dreck und das ewig gleiche rauskommt. Die Intrigen habens auch im tenure system.

Herr Plumm
30.12.2009 11:13

so ist das leider...

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