Gigantomanie der Gemeinplätze?

28. Dezember 2009, 19:02
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Ein kleines Land und seine große Reform der Lehrerbildung: Was bisher über die umwälzenden Pläne des Ministeriums bekanntgeworden ist, beschränkt sich auf wohlfeile Phrasen, Nebensächlichkeiten und unausgegorene Ankündigungen - Von Georg Hans Neuweg

Die Lehrerbildungsdiskussion lebt von persönlichen Erfahrungen (jeder war schon mal in der Schule), ideologischen Überzeugungen (nur keine/unbedingt die Gesamtschule: Nichtzutreffendes streichen), ökonomischen Motiven (gut und billig soll es sein) und institutionellen Eigeninteressen (fast jeder Experte arbeitet selber in einer Lehrerbildungseinrichtung). Für Österreich kommen noch Dauerlähmungserscheinungen dazu sowie das Verhältnis zwischen Ministerium und Lehrergewerkschaft, das hin und her pendelt zwischen Standesamt (früher) und Scheidungsrichter (jetzt gerade).

Eine "stärker faktenbasierte Entscheidungsfindung" (Claudia Schmied im Vorwort zum Nationalen Bildungsbericht 2009) wäre da eine gute Idee, weil es ja eigentlich um die Kinder geht. Zu diesem Zweck muss die Politik die Suche nach Fakten und Argumenten beauftragen, ohne sie selber vorzugeben oder gar zu erfinden. Wer "evidence-based" Politik machen will, darf den Experten die Spielräume nicht einengen. Die Experten wiederum müssen die Fakten und Argumente liefern, und das ohne Schielen danach, was "die Politik will", vor allem auch ohne Eitelkeit oder die Sehnsucht nach Folgeaufträgen.

Diskussion überfällig

Anfang 2009 nun haben Claudia Schmied und Johannes Hahn eine Arbeitsgruppe zur Neuordnung der Lehrerbildung eingesetzt - ein "Titanenprojekt", wie die Minister sagen. Jetzt hat die Beratergruppe die Konturen des Titanen der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Gruppe muss schwere Monate hinter sich haben. Denn im Niemandsland zwischen Berater- und Expertentum fühlen Experten sich meist unbehaglich. Wo sich der Politikberater um Durchsetzbarkeit, um Interessenausgleich und vor allem auch um die Interessen der Politik kümmern muss, ist der Experte nur der Sache verpflichtet. Jenes typisch österreichische Dazwischen, in dem die Gruppe vermutlich angesiedelt worden ist, gibt es im Grunde nicht.

Gemessen an dieser schwierigen Situation hat man einiges zustande gebracht. Das vorläufige Papier - der Endbericht lässt noch auf sich warten - enthält ein Bekenntnis zu einer seriösen Eignungsberatung und zu einer begleiteten Berufseinführungsphase und wartet mit Vorschlägen zur Intensivierung der Kooperation zwischen Unis und Pädagogischen Hochschulen auf. Vor allem: Nun ist endlich die Diskussion eröffnet.

Diese wird auch dringend zu führen sein. Denn was wurde der Öffentlichkeit bislang mitgeteilt? Ein Drittel Gemeinplätze (zum Beispiel: "Schule ist ein Teil der Gesellschaft"), ein Drittel Bekräftigung bekannter und konsensfähiger Vorschläge (zum Beispiel: Lehrerbildung besteht aus drei Phasen), ein Drittel Unausgegorenes (in der APA-Meldung zum Beispiel: Die Kinder bekommen einen Bachelor-Volksschullehrer, der in der 4. Klasse von einem Master-Volksschullehrer abgelöst wird, den dann wiederum ein Bachelor-Gymnasiallehrer ablösen kann). Es ist zu hoffen, dass der Endbericht mehr und teils anderes bringt. - Vor allem ist zu hoffen, dass er nicht um die heißen Kartoffeln herumeiert. Was bisher bekannt wurde, ist enttäuschend: Keine Aussagen zur Sinnhaftigkeit der Bologna-Architektur für die Lehrerbildung. Keine Aussagen zum Zustand und zur Entwicklung der Pädagogischen Hochschulen und der Universitäten. Keine Aussagen zur künftigen Schulstruktur, ganz nach dem Motto: Lehrerbildung kann man auch gestalten, ohne die Schulen mitzudenken. Keine Aussagen zur bisherigen Zweiklassen-Lehrerausbildung und zur sachwidrig getrennten Ausbildung von Hauptschul- und Gymnasiallehrern. Stattdessen liest man: "Alle Einrichtungen haben ihre Tradition, ihre Bedeutung und Erfahrung in bestimmten Domänen [...] Eine Konzentration des gesamten Ausbildungsspektrums für pädagogische Berufe, auch für LehrerInnenbildung, auf einer der bestehenden Institutionen erscheint weder qualitativ zielführend noch operational umsetzbar."

In Rumänien sieht man das wohl ähnlich. Aber im restlichen Europa hält man eine Lehrerbildung auf universitärem Niveau fast durchgängig für "qualitativ zielführend" und der Rat der Europäischen Union findet das auch "operational umsetzbar". Nur Österreich wird vermutlich auf die Türschilder der BAKIPs und der Pädagogischen Hochschulen "Universität" schreiben und dies dann zügige Weiterentwicklung auf europäisches Niveau nennen. (Georg Hans Neuweg/DER STANDARD, Printausgabe, 29.12.2009)

Zur Person
Georg Hans Neuweg ist ao. Universitätsprofessor für Wirtschaftspädagogiik an der Johannes-Kepler-Universität Linz.

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