Ein "Neudenker" als Chance für Irans Opposition?

28. Dezember 2009, 18:56
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Nach dem Tod des regierungskritischen Groß-Ayatollahs Montaseri könnte Yussef Sanei zum neuen geistlichen Hoffnungsträger der iranischen Protestbewegung - insbesondere der Frauen - avancieren - Von Katajun Amirpur

Auf das Totengebet kommt es an. Wer das Totengebet für den toten Groß-Ayatollah spricht, der tritt normalerweise in seine Fußstapfen als höchste religiöse Autorität. Als iranische Sicherheitskräfte vor einer Woche verhinderten, dass Groß-Ayatollah Yussef Sanei der Bestattung von Groß-Ayatollah Hussein Ali Montaseri auch nur beiwohnen konnte, schienen sie genau dies zu befürchten. Einen Tag später dann tauchten Regimeanhänger zuerst vor dem Hause Montaseris in Ghom auf, um ihn noch im Tode zu beschimpfen. Danach zogen sie zu Sanei weiter, der nur unweit entfernt wohnt, um ihn mit denselben Schimpfworten zu belegen.

Wegen der Reputation, die Montaseri genoss, ist es nicht leicht, seinen Platz als religiöse Autorität und Mentor der Reformbewegung einzunehmen. Montaseri war in den letzten zwei Dekaden das Gewissen der Islamischen Republik, und er befeuerte seit dem Sommer die Reformbewegung durch eine Reihe scharfer Fatwas. Dennoch scheinen viele nun auf Sanei zu hoffen: Es sind Bilder von ihm, die jetzt neben denen Montaseris bei den Kundgebungen in die Höhe gehalten werden. Der 1937 geborene Sanei steht für weitreichende Reformen und hat speziell in den letzten Monaten deutliche Worte der Kritik am Regime gefunden. Für ihn sei Mahmud Ahmadi-Nejad nicht der rechtmäßige Präsident, erklärte er im Juni nach der Wahl. Eine Regierung, die sich auf Lügen stützt, sei nicht akzeptabel.

Macht korrumpiert Religion

Montaseri ganz ähnlich wandelte sich auch Sanei vom Revolutionär zum Dissidenten: Der aus Isfahan stammende Sanei gehörte seit den vierziger Jahren zum Kreis um den späteren Revolutionsführer Khomeini, beteiligte sich aktiv an der Revolution und wurde später Vorsitzender des einflussreichen konservativen Wächterrates. Zudem war Sanei in den 80er-Jahren Irans Oberster Richter. Doch 1988 zog er sich aus der aktiven Politik zurück. Seither gilt er als sogenannter nouandish unter den Geistlichen, als "Neudenker" - beispielsweise in Sachen Frauenrechte.

So hat sich die Kampagne "Eine Million Stimmen für Frauenrechte" ihre Forderungen von Sanei als vereinbar mit dem Islam absegnen lassen. Ziel dieser NGO, die es seit drei Jahren gibt, ist es, eine Million Unterschriften zu sammeln. Dann müsste sich das Parlament ihre Gesetzesvorlage zur Verbesserung des Familienrechts, das die Ungleichheit von Mann und Frau festschreibt, vornehmen. Saneis für die Frauenrechtlerinnen sehr hilfreiche Argumentation lautet: Ausschlaggebend sei die Gerechtigkeit, die in der Schia zu den Grundfesten der Religion zählt. Im Interview mit der inzwischen verbotenen Frauenzeitschrift Zanan erklärte er: "Das ist ein großer Fehler, dass wir über etwas, das mit dem Prinzip der Gerechtigkeit nicht in Einklang zu bringen ist, sagen: Gut, dann ist es eben ungerecht, aber weil die Religion es gesagt hat, akzeptieren wir es." Es müsse umgekehrt sein.

Denn laut Sanei kann der Islam grundsätzlich nicht ungerecht sein, und wo nach heutigen Maßstäben die Religion ungerechte Regeln aufgestellt habe, müssten diese geändert werden - auch wenn es dem Wortlaut des Korans widerspricht: "Wir müssen den Islam mit der Vernunft abwägen. Es darf nicht so sein, dass wir unseren Islam der Vernunft diktieren." Daraus folgt konkret: Die Frau darf sich scheiden lassen -- was das Familienrecht bisher verbietet. Und es gibt laut Sanei auch keinen Grund, warum die finanzielle Entschädigung, die etwa infolge ihres Unfalltodes an die Hinterbliebenen bezahlt wird, nur halb so viel beträgt wie die für einen Mann.

Damit ist Sanei einer der ganz wenigen ranghohen Geistlichen, die Rechtsfortbildung zugunsten von Frauen betreiben. Mit Montaseri verband ihn eine grundsätzliche Haltung zum Regime: Das Volk wolle Freiheit, und im Namen des Islams werde sie ihm verwehrt. Deshalb wendeten sich die Menschen von der Religion ab und das schmerze ihn. Natürlich sei es nicht die Schuld des Islam, dass Unfreiheit herrsche, sagte er vor Jahren im Gespräch. Die Religion, die er als Geistlicher vertritt, sei für Freiheit und Demokratie.

Aber die religiösen Vertreter dieser Religion würden dafür nicht einstehen und - bis auf wenige - diejenigen nicht kritisieren, die den Islam missbrauchen. Gegenüber seinen Kollegen im geistlichen Amt spart Sanei deshalb nicht an Kritik: "Die Geistlichen haben ihre Heiligkeit verloren. Und warum? Weil sie Teil der Machtelite geworden sind."

Laut Sanei korrumpiert Macht. Das Einssein von Religion und Macht sei ein großer Schaden, das habe er nach der Revolution erkannt. Immer sei Macht verbunden mit Lüge, Diebstahl, Unterdrückung und Verrat. Eine religiöse Führung hingegen sei heilig. Aber gerade deswegen könne sie nicht sagen, ich will die Menschen zum Gebet anleiten, sie zum Guten weisen - und auch regieren. "Denn Regieren erfordert Spielchen, übers Ohr hauen. Die Welt des Regierens ist eine Welt des Unterdrückens."

Den einzigen Ausweg sieht er in einer neuerlichen Trennung von Staat und Religion. Dann könne die Geistlichkeit wieder Sprachrohr der Menschen werden. Ayatollah Sanei steht damit heute wieder für eine uralte Tradition innerhalb der schiitischen Geistlichkeit. Eine Geistlichkeit, die Rückhalt und Zuflucht des Volkes war; die für Gerechtigkeit kämpfte, wenn dies notwendig war, sich ansonsten aber aus der Politik heraushielt. Das war besser für die Religion und für das Ansehen der Geistlichen, meint der Groß-Ayatollah heute.

Einstweilen scheint Sanei jedoch wieder in die Politik hineingezogen zu werden. Denn der Kampf gegen die Unterdrückung gilt Schiiten und vor allem ihren Geistlichen als religiöse Pflicht. Sanei sieht es jetzt als die seine an, sich einzumischen. Anders als Montaseri hat Sanei etwas Schlitzohriges. Man traut ihm auch die Rolle des Taktierers zu. Und das könnte gegenwärtig durchaus hilfreich sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.12.2009)

Katajun Amirpur, Jg. 1971, deutsch-iranische Publizistin und Islamwissenschafterin, lehrt an der FU Berlin.

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