Arbeitsmarkt

Blaues Wunder

28. Dezember 2009 20:28

Selbst wenn die aktuellen Prognosen halten sollten und die Wirtschaft die Talsohle durchschritten hätte, kann nicht wirklich von einem Aufschwung gesprochen werden

Ein Loblied auf die österreichischen Maßnahmen zur Krisenbekämpfung am Arbeitsmarkt sang am Montag das Wirtschaftsforschungsinstitut. 8400 Jobs seien durch die Kurzarbeit gerettet worden, hieß es. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere: Österreichs Unternehmen sitzen - sei es wegen staatlicher Anreize, sei es aus anderen Überlegungen - infolge der Zurückhaltung beim Arbeitsplatzabbau auf deutlichen Überkapazitäten.

Das könnte sich bald rächen. Denn selbst wenn die aktuellen Prognosen halten sollten und die Wirtschaft die Talsohle durchschritten hätte, kann nicht wirklich von einem Aufschwung gesprochen werden. Wachstumsraten von gut ein Prozent bedeuten nach dem jüngsten Einbruch gerade einmal eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau. Zur Sicherung der Arbeitsplätze wären Zuwachsraten von rund 2,5 Prozent erforderlich.

Verknüpft man die Überkapazitäten und die vorhergesagte Entwicklung, sind Jubelmeldungen völlig fehl am Platz. Wollen die Unternehmen im Wettbewerb bestehen, wird ihnen mittelfristig nichts anderes übrigbleiben, als den Personalstand an die Produktion anzupassen. Das mag angesichts der individuellen und gesellschaftlichen Folgen von Arbeitslosigkeit unsozial klingen, ist aber Realität.

In Deutschland ist die Lage ähnlich. Der Ökonom Hans-Werner Sinn bezeichnete kürzlich die Robustheit des Arbeitsmarktes als ein kleines Wunder. Es ist zu befürchten, dass er und viele andere ein blaues Wunder erleben werden. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.12.2009)

Kommentar posten
24 Postings
Michael B
29.12.2009 18:54
Der Herr Professor Sinn (nunmehr hauptberuflich AWD-Mitarbeiter)

kann natürlich nicht verstehen, daß nicht alle Arbeitgeber die - seiner "neoliberalen" Ansicht nach jederzeit zu ersetzenden - Arbeitskräfte beim ersten rauhen Lüfterl "freigesetzt" haben.
Aber der Mann lebt in einer völlig realitätsfremden Modellwelt aus den 50er Jahren.
Nach diesen Modellen wurde schon ganz Lateinamerika in Grund und Boden gewirtschaftet.

1116er
29.12.2009 16:16
dann geh ich mal mit gutem beispiel voran...

mein neujahrsvorsatz: ich werde im kommenden jahr nur bis max. juli arbeiten, danach ab in die arbeitslose.

damit auch ein anderer zum zug kommt!

Mein Hund, die arme Sau, heißt Hojac.
29.12.2009 13:33
Der Autor geht offenbar von dem Trugschluss aus,

dass die Arbeitskraft eine Ressource wie jede andere ist.

Auch wenn er den nächsten notwendigen Schritt aus Sicht der Unternehmen korrekt beschreibt, beschreibt er nicht die Lösung, sondern eine Verschärfung der Probleme. Abgesehen von den negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen wie sinkender Kaufkraft und Steueraufkommen einerseits, andererseits steigenden Aufwendungen für Sozialleistungen, wird hier ein Heer von Notstandshilfeempfängern vergrößert, das, wenn der Arbeitskräftebedarf mittelfristig wieder steigt, schwer oder gar nicht eingliederbar ist.

Was wir hier haben, ist keine kurzfristige Krise nach der alles so weiter geht wie vorher. Es verändert unsere Gesellschaft tiefgreifend - zum Schaden aller.

Dreistein
 
29.12.2009 12:32
Diese Krise hat - wie könnte es auch anders sein - etliche Trittbrettfahrer auf den Plan gerufen.

Es gibt Firmen, die sich Kurzarbeit mitfinanzieren lassen und gleichzeitig Überstunden fahren. Andere entlassen auf Teufel komm raus - um ihre Bilanzen für ihre Aktionäre zu schönen und nehmen gleichzeitig Leiharbeiter auf.

Auf alle Fälle wird diese Krise aber zur Senkung der Arbeitnehmerrechte benutzt.

boomerang
29.12.2009 11:43
Ganz einfach

die Arbeitslosen sollen doch an der Börse zocken. Natürlich mit fremden Geld. Am besten mit einem Mega-Kredit von der Raika oder Hypo.... wenn's schiefgeht? Na und, wer nix mehr hat, dem kann man auch nix wegnehmen.Wie beim Vorbild Kärnten. Wer braucht denn die blöden Arbeitsplätze?
So funktioniert's ja!?

leser 4712
29.12.2009 11:24
es wird noch ärger kommen

wenn die, die noch geld durch arbeit verdienen, für die (teuren) wahlzuckerl und nicht budgetierten gehaltserhöhungen zur kasse gebeten werden.

Happels Erben
29.12.2009 09:31
Zuviel Personal?

Wenn der durchschnittliche österreichische Arbeitnehmer 8 Überstunden wöchentlich leistet, kann es nicht allzuviele Unternehmen geben die Überkapazitäten an Personal haben. Oder ist das es das langfristige Ziel, 20 Überstunden pro Woche zu leisten, am besten auch noch unbezahlt??

Hubert Ungeist
29.12.2009 11:32
Milchmädchenrechnung..

aber auch ein wenig echter HIntergrund.,

Bei uns sind dzt. Überstunden (bezahlte natürlich) verboten, gleichzeitig werden Leute gefeuert, aber die Arbeit wird verteilt.

wem man dem Topmanagement sagt das wird auf Dauer nicht funktionieren sagen die - "Geht doch" und tatsächlich dzt.. machen noch alle Mitarbeiter mit.

Aber 90% der Leute geben an sofort zu gehen, sobald ein Angebot von aussen da ist. Wenn der Aufschwung kommt - wird die Massenflucht einsetzen - und die Firma wird sich wundern, mit wem sie dann diesen Aufschwung bewältigen wird

Mann40
29.12.2009 17:53

@Huber Ungeist

ich bin absolut Ihrer Meinung, sehe es auch so

Das kleine Maßahmenpaket
29.12.2009 11:03

Wie recht sie leider haben. Am besten 20 gratis Überstunden die Woche und in der Freizeit (wann?) noch shopping was das Zeug hält.

Nirvanacharly
 
29.12.2009 07:01
ich fürchte die wirtschaft hat die talsohle

in keiner weise durchschritten, sie macht nur wieder ein bischen zockergewinn an der börse als ob nichts geschehen sei.

zaikoh
29.12.2009 03:28

Goetz Werner, Gründer dm-drogeriemarkt: "...es ist (unter anderem) die aufgabe der wirtschaft, den menschen von der arbeit zu befreien.."

sachertorte2
29.12.2009 14:18

In seiner altruistischen Art wird dieser "Herr" doch wohl noch viele Menschen von der Arbeit befreien. Der Wunsch nach von Arbeit befreiten Menschen war doch vor 1000 Jahren schon ein erstrebens-werter - Arbeit macht frei - schon vergessen?

myschkin
29.12.2009 09:18

Sie können von einem Andreas Schnauder nicht verlangen und nicht erwarten was einfach nicht da ist.
Dass man etwas anderes an den Produktionsstand anpassen müßte, darauf kommen solche Herren nicht.
Das wäre sozial und auf der Höhe der Zeit, zumindest was das theoretische Wissen über das Leben der Menschen betifft, es wird nur nicht angewendet, zum Schaden der Mehrheit.

Übrigens: Die Standard Zensur ist ärgerlich!
 
29.12.2009 01:28
"Jubelmeldungen" - ?

Ich habe keine vernommen. Es ist vielmehr Konsens, dass das erwartete Wachstum den Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht stoppen wird. Dazu brauchts keinen Schnauder.
Aber es ist halt bei manchen ein beliebter und billiger Trick, sich Pappkameraden aufzubauen, die man dann mit großem Getöse niedermachen kann.
(Grotesk auch die Warnung, dass sich die AM-politischen Maßnahmen "rächen" werden. Was fordern sie, Schnauder? - Arbeitslosigkeit jetzt! Und umso mehr, umso besser!?)

Hubert Ungeist
29.12.2009 08:24
Die Maßnahmen jetzt...

sind die arbeitslose Jugend (und das ALter ab 45) in den nächsten Jahren.

Das ist halt einfach Fakt.

Übrigens: Die Standard Zensur ist ärgerlich!
 
29.12.2009 11:11
".... die Maßnahmen jetzt ..."

Sie meinen "ohne Maßnahmen" hätten wir eine geringere Arbeitslosigkeit, Ungeist? - Gibts da eine Logik, oder Empirie auch dazu, oder genügt ihnen ihre einfache Apodiktik?
(Und kommens mir jetzt bitte nicht mit der Einführungsliteratur über "Strukturanpassung" und Gleichgewicht im "medium run". Das kennen wir schon.)

Hubert Ungeist
29.12.2009 14:46
Habe ich das gesagt? Nein - sie haben mein Post nicht gelesen..

aber wenn ich jetzt einen Kredit für den AUtokauf aufnehme spare - ich mir HEUTE das zu Fuss gehen - aber wahrscheinlich kann ich mir dafür im Sommer keinen Urlaub leisten.

Wenn jetzt Geld reingebuttert wird, zur Senkund der Arbeitslosenzahl - dann wird das Geld eben später fehlen.

wien 1220
 
29.12.2009 10:38

30% Arbeitslose jetzt, die dann nie mehr einen vernünftigen Job bekommen können, wäre besser?

Hubert Ungeist
29.12.2009 14:47
Und 30% die jetzt keinen Job kriegen (meist Jugendliche)

und später dann auch nicht - sind besser?

Podolski36
29.12.2009 00:13

Sitzt nicht auch "Der Standard" auf diesen gräßlichen, den Profit hemmenden Überkapazitäten beim Personal? Dagegen könnten Sie doch etwas unternehmen, Herr Schnauder, indem Sie sich bissl wegrationalisieren...

WAB6
29.12.2009 11:56

warum ausgerechnet herr schnauder, zählt er doch zu den lichtblicken in der redaktionsmannschaft.

lessismore
28.12.2009 23:32

Es handelt sich nicht um ein Wunder, sondern um die Effekte vernünftiger Politik. Das Sozialsystem wirkt als automatischer Stabilisator, wie das im Fachsprech heißt. -- Herr Sinn und solche haben aber ihre ganze Energie gerade der Zerstörung dieses Sozialsystems gewidmet, also kommt ihnen der Beweis seiner Nützlichkeit ungelegen ...

Austrianer was sonst.....
28.12.2009 21:12
Von Krise keine Rede!

Die Unternehmen machen mehr Gewinn und Umsatz als letztes Jahr! Wird nur verwendet um Löhne zu drücken! Ich kenne zick Beispiele!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.