Enttäuschungen

28. Dezember 2009, 18:09
9 Postings

Das Jahr endet, wie es gelaufen ist - mit Enttäuschungen. Eine davon lieferte "Österreich" seinen gläubigen Lesern zu Weihnachten: "Die Wahrheit über Maria. Wer war Maria?"

Das Jahr endet, wie es gelaufen ist - mit Enttäuschungen. Eine davon lieferte "Österreich" seinen gläubigen Lesern zu Weihnachten: Die Wahrheit über Maria. Wer war Maria? Und dann die ernüchternde Neuigkeit: Sie war keine Jungfrau. Zweifellos eine erschütternde Nachricht für alle Fans der unbefleckten Empfängnis, die nicht einmal von der authentischen Bilddokumentation einer Madonna lactans gemildert werden konnte, mit der die kleinformatige Konkurrenz auf dem Titelblatt aufwartete: Das Kind ist geboren und wird von Maria erstmals gestillt. Die Erstmaligkeit des Ereignisses für die Kirchengeschichte gesichert zu haben, kann nur als ein Verdienst von "Krone"-Redakteuren gepriesen werden, denn die scheuen bekanntlich vor keiner Recherche zurück. So berichtete deren oberster Chef bei einer Melange in "Live" über die Folgen des Anschlages auf Silvio Berlusconi: Am Tag nach der Tat stellten "Krone"-Redakteure bei Recherchen in Italien fest, dass die Sicherheitsvorkehrungen noch verstärkt werden könnten. So erwägt das Innenministerium, Internetsendungen, die weiter zu Gewalt gegen Berlusconi aufhetzen und die Tat sogar loben, zu verbieten. Aber vor allem: Unsere Redakteure fanden auch Kontakt zu Menschen, die bis in die Nähe von Berlusconis Krankenzimmer vordrangen. Ob deshalb, um dort die Tat zu verfluchen oder um sie zu wiederholen, blieb leider offen.

Große Enttäuschung verursachen auch die Erbschaftsstreitereien in Kärnten. Als "von den Scheuchs tief enttäuscht" gab sich in der "Kronen Zeitung" Jörg Haiders Mutter Dorothea zu erkennen. Sie liest gemeinsam mit ihrer Tochter Ursula Haubner den BZÖ-Abtrünnigen die Leviten, was zeigt, zu welch artfremden Mitteln man in deutschnationalen Kreisen schon greifen muss, um solcher Enttäuschung Ausdruck zu verleihen. Die beiden Damen haben die schwere Aufgabe übernommen, sich der Erbschaft nach Jörg gleichzeitig entschlagen und versichern zu müssen. Das Kärnten, wie es jetzt dasteht, ist nicht das Erbe meines Sohnes, beteuert die Mutter ebenso wie sie weiß, die Brüder Scheuch ... werden sein Erbe nicht zerstören. Aber solange für die Erbschaftssteuer ohnehin die steuerzahlende Bevölkerung nicht nur Kärntens aufkommen muss, ist ohnehin alles egal.

Und auch ich habe in diesen letzten Tagen des Jahres Enttäuschung bereitet, einerseits dem Herausgeber des "Österreichischen Journalisten", andererseits dem Chefredakteur der "Presse", und zwar unter dem Titel Die beste Redaktion im Zusammenhang mit den Preisen, deren sich das Blatt rühmte. Ersterer stieß sich an einem Satz. Ich schrieb zu den 7 Newspaper- Awards an "Die Presse": Die vergibt "Die Presse" zusammen mit der Branchenzeitschrift "Der österreichische Journalist".

Dazu teilt dessen Herausgeber mit: "Die Presse" vergibt nicht zusammen mit dem "Österreichischen Journalist" die "European Newspaper Awards". Auch der "Journalist" vergibt diese nicht. Diese werden ausschließlich von einer internationalen Jury vergeben. Vertieft wird diese Korrektur durch die Ergänzung: Wir sind zusammen mit Norbert Küpper Veranstalter des "European Newspaper Congress", bei dem einige dieser ausgezeichneten Projekte vorgestellt werden, und es ist richtig, dass dabei auch die European Newspaper Awards überreicht werden - als ein Teil der Veranstaltung. Die "Presse" ist Medienpartner dieser Veranstaltung. In dieser Rolle nimmt sie keinen Einfluss auf den Kongress. Sie ladet am Vorabend Chefredakteure und Verleger aus ganz Europa zu einem "Medienheurigen", und Michael Fleischhacker moderiert am letzten Tag des Kongresses das "European Editors Forum".

Zum weit größeren Teil meiner Anmerkungen hatte er nichts beizutragen, was nicht ohnehin in diesen enthalten war, nämlich zum Charakter eines Wettbewerbs um journalistischen Lorbeer, bei dem die Jury auf einen Kreis von den jeweiligen Redaktionen Nominierter beschränkt ist, und der Fleiß beim Nominieren die Gewinnchancen bestimmt. Umso heftiger faselte Michael Fleischhacker etwas von Gratiseinschaltungen und einer Verschwörung gegen "Die Presse", meinte, was ich geschrieben habe, sei nicht leicht zu erklären, also lass ich's lieber, was sicher besser war, um in einem persönlichen Postscript einzuräumen: Ja, man sollte solche Wahlen transparenter gestalten. Und: Nein, ich würde mich nie selber wählen. Dafür bin ich zu eitel. Lieber Michael, ich würde mich nicht einmal selber nominieren. Schon gar nicht für den "Journalisten".(Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 29.12.2009)

Share if you care.