Polens Geschichte im Glashaus

28. Dezember 2009, 17:12
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Ein ungewöhnliches Museumsprojekt: Eine Glasbrücke über Warschaus Stadtautobahn

Polen gönnt sich eines der ungewöhnlichsten Museen Europas: eine Glasbrücke über Warschaus sechsspuriger Stadtautobahn. Das Museum der Geschichte Polens wird sich symbolträchtig über eine der architektonischen Hauptsünden der kommunistischen Volksrepublik erheben und die beiden Seiten des Ujazdowski-Parks wieder miteinander verbinden. Vor dem Museum soll sich ein "Rasen der Freiheit" erstrecken, gleichermaßen geeignet für Konzerte, Picknicks, Straßentheater und Happenings. Ein großer Teil der Stadtautobahn Trasa Lazienkowska wird in einem Tunnel verschwinden.

Dennoch waren die meisten Warschauer vom ersten Preis des Wettbewerbs zunächst enttäuscht. Tatsächlich wirken die Fotos vom Modell des Luxemburger Architekturbüros Paczowski et Fritsch nicht gerade überwältigend. Nur mit Mühe ist zu erkennen, dass die Außenfassaden aus Glas bestehen und das ganze Gebäude lichtdurchflutet sein wird. Auch dass sich die begrünten Innenhöfe hin zu einer Glaspassage mit Cafés, Bars und Museumsläden öffnen, ist zunächst kaum zu erkennen.

Robert Kostro, der Gründungsdirektor des Museums der Geschichte Polens, hingegen freut sich: "Durch die Glasfront wird das gegenüberliegende Barockschloss zu unserem wichtigsten Exponat. Schließlich war das Ujazdowski-Schloss eine der Königsresidenzen Polens." Auch Marek Mikos, der das Büro für Architektur und Raumplanung Warschaus leitet, ist begeistert: "Durch das Projekt entsteht nicht nur ein neues Gebäude, sondern eine neue Stadtlandschaft" , schwärmt er. Alt und Neu würden durch den "Rasen der Freiheit" miteinander verbunden. Im Glasbau wird Polens Geschichte zu besichtigen sein, während gegenüber im Barockschloss immer wieder neue Avantgardekünstler ihre Werke zur Diskussion stellen.

Am Wettbewerb für das prestigeträchtige Museum hatten sich mehr als 300 Architekten aus aller Welt beteiligt. Dass am Ende das Luxemburger Büro Paczowski et Fritsch Architectes den ersten Preis gewann, überraschte selbst die Preisträger. Zur Gala, auf der die Jury ihnen auch 90.000 Euro Preisgeld zusprach, waren sie nicht angereist. Paczowski, der Polen 1960, nach seinem Architekturstudium in Krakau, verlassen hatte, lebte zunächst in Italien, dann in Frankreich. Seit rund zehn Jahren arbeitet er in Luxemburg. Dort baute er u. a. den neuen Flughafen.

Über 80 Millionen Euro soll das Museum der Geschichte Polens kosten. Damit wird es wesentlich teurer als das ebenfalls in Warschau geplante Museum der Geschichte der Juden Polens oder das Museum für moderne Kunst. Zwar ist das polnische Kulturministerium der Bauträger, doch soll der Löwenanteil der Gelder - rund 64 Millionen Euro - aus Brüssel kommen. Baubeginn soll 2011 sein, die Fertigstellung bereits 2012. Dann findet in Polen die Fußball-Europameisterschaft statt. (Gabriele Lesser aus Warschau, DER STANDARD/Printausgabe, 29.12.2009)

  • Über der Autobahn, gleich neben dem Schloss: das künftige Museum der  Geschichte Polens.
    foto: paczowski et fritsch

    Über der Autobahn, gleich neben dem Schloss: das künftige Museum der Geschichte Polens.

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