Sender kalkulieren strenger: Krise bedroht boomenden US-Fernsehmarkt

28. Dezember 2009, 17:10
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Im Inneren des US-Fernsehmarktes brodelt es jedoch wie im Filmgeschäft - Einiges deutet darauf hin, dass in Zukunft noch strenger gerechnet wird

Nach außen wirkt alles normal: Ab Mitte Jänner wollen Nachwuchssänger bereits zum neunten Mal American Idol werden. Knapp eine Woche später jagt Jack Bauer zum achten Mal Bösewichte. Und auch Jay Leno, der seit Herbst täglich talkt, kommt nach Anfangsschwierigkeiten in Schwung und freut sich zuletzt über stabile Quoten. Im Inneren des US-Fernsehmarktes brodelt es jedoch wie im Filmgeschäft. Denn nicht nur das Kino, auch der lange boomende US-Fernsehmarkt leidet unter der Krise. Einiges deutet darauf hin, dass in Zukunft noch strenger gerechnet wird: 

  • Comcast übernahm Anfang Dezember mit der schwer defizitären TV-Station auch den Chef von NBC, Steve Burke, und garantiert ihm für die nächsten fünf Jahre ein nicht gerade schmales Gehalt von 1,5 Mio. Euro. Mit Boni und Firmenbeteiligungen wird er auf insgesamt großzügige 15 Mio. Euro geschätzt. Damit setzt der neue Eigentümer ein leicht lesbares Zeichen: Beständigkeit und nur ja kein Risiko. Die Strategie leitet Burke bereits mit der Entscheidung ein, mit Jay Leno fünfmal die seit 50 Jahren auf Fic_tion fixierte Primetime zu bespielen. Anfangs mit enttäuschenden Quoten. Strategische Veränderungen bewirken, dass nicht mehr der Zuschauergeschmack das Programm bestimmt, sondern ein optimiertes Verhältnis zwischen Produktionskosten und Werbeeinnahmen.
  • NBC, lange wichtigster Produzent von Hochglanzserien wie Emergency Room, Friends oder Seinfeld, muss sich im Quotenrennen mit Platz vier begnügen - hinter CBS, ABC und Fox.
  • Sparen beim Vorabendprogramm will CBS und stellt 2010 nach 54 Jahren die Soap As the World Turns ein. Im September lief nach 72 Jahren die letzte von 15.700 Folgen von Guiding Light (hierzulande bekannt unter Springfield Story).
  • Schwächelndes Reality-TV stellt die Sender vor große Programmier- und Finanzprobleme. Das Publikum zeigt Übersättigungserscheinungen von Shows wie America's Next Topmodel. Fox zog bereits die Konsequenzen und stellt seinen Spartensender Fox Reality kommenden März ein.
  • Serienerfinder und Autoren spüren den Druck der Ökonomie am stärksten. Für sie wurden aufwändig produzierte Hochglanzserien nicht erst seit The Wire und The Sopranos zum attraktiveren und insgesamt lukrativeren Betätigungsfeld. Dieses System ist in Gefahr - die US-Sender kalkulieren strenger und vorsichtiger.
  • Stärkerem Konkurrenzdruck ausgesetzt sieht sich HBO. Der Bezahlsender, der lange ein Monopol auf Qualitätsserien hatte, wird von Mitbewerbern bedrängt: Der ältere ABC-Abokanal Showtime holt mit Dexter, Californication und Nurse Jackie kräftig auf. HBO sucht noch immer nach einem kommerziell ähnlich erfolgreichen Serienkoloss wie dem 70 Mio. Euro teuren Rome. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 29.12.2009)
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