Was Freiheit bedingt

28. Dezember 2009, 10:22
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Die schnelle Klärung der Schuldfrage in Bezug auf die Wirtschaftskrise reicht nicht für die Neuausrichtung des Systems - Ein Appell zur ernsthaften Reflexion ideologischer Ursachen

Kain antwortet auf Gottes Frage nach seinem Bruder Abel mit den Worten: "Bin ich denn der Hüter meines Bruders?" Diese Antwort bringt immer noch die moralische Frage des Menschseins auf den Punkt: Welche Verantwortung haben wir füreinander? Gerne drehen wir die Frage um und stellen ein für alle Mal fest, wofür wir nicht verantwortlich sein können. Noch beliebter ist die rasche Klärung der Schuldfrage.

Sie trägt zwar nichts zur Lösung der Probleme bei, ermöglicht aber eines mit Sicherheit: die Feststellung der eigenen Unschuld. Ist der Sündenbock einmal vor die Stadt getrieben, stellt sich die Frage der Mitverantwortung nicht mehr. Da können auch langjährige leuchtende Sterne des Kapitalismus wie Lehman plötzlich den schwarzen Schafpelz umgehängt bekommen.

Aber war das alles? Der von der weitgehend deregulierten Finanzwirtschaft getriebene Kapitalismus hat eine Serie von spekulativen Pyramidenspielen in Gang gesetzt, bei denen viele Personen und Unternehmen mitgespielt und vom "Genau-will-ich-es-gar-nicht-wissen-aber-bei-den-Gewinnen-kann-man-ja-nicht-Nein-Sagen" profitiert haben. Letztlich hat dieses System wechselseitiger Korrumpierung zu einer Externalisierung von sozialen Kosten auf nächste Generationen und auf die sozial Schwächsten geführt. Nach einer kleinen Schrecksekunde beginnen die Pyramidenbauer aber bereits wieder ihr Tagwerk.

Wo liegt die Chance für Veränderung? Ein erster Schritt des Lernens könnte eine Inspektion der ideologischen Wurzeln der Krise sein. Freiheit ist in den letzten Jahrzehnten zu einem Kampfbegriff des Neoliberalismus geworden. Freiheit war die Freiheit von Regeln, aber auch die Freiheit von Verantwortung für das Gemeinwesen.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen hat in seinem Buch Ökonomie für den Menschen eine Rehabilitierung der "Freiheit" vorgenommen: "Wo man jedoch wirklich die Freiheit und die Verwirklichungsmöglichkeiten besitzt, etwas Bestimmtes zu tun, hat man die Pflicht, sich zu überlegen, ob man es tun soll oder nicht, und das impliziert persönliche Verantwortung. In diesem Sinne ist Freiheit sowohl die notwendige als auch die hinreichende Bedingung für Verantwortung."

Freiheit gibt es also nicht ohne Verantwortung. Wer Freiheit für sich in Anspruch nimmt, muss Verantwortung übernehmen. Je höher der Grad der Freiheit, desto größer auch die Verantwortung. Das gilt für jeden einzelnen (Konsumenten) und jedes Unternehmen - heute schon. Ein zweiter Schritt ist die notwendige Rahmensetzung durch die Politik.

Der Kasinokapitalismus braucht sehr enge Grenzen, wenn seine Spielsucht auf Pump nicht in regelmäßigen Abständen die Realwirtschaft, die öffentlichen Haushalte und vor allem die einzelnen Menschen, die ihre Arbeit oder ihre Ersparnisse verlieren, an den Rand des Abgrund treiben soll.

Sich innerhalb dieser Grenzen zu bewegen ist notwendig, aber nicht ausreichend. Je mehr Freiheitsräume und Gestaltungsmöglichkeiten ein erfolgreiches Unternehmen hat, desto größer die Verantwortung für menschenrechtliche Standards, sozialen Zusammenhalt und ökologische Nachhaltigkeit. Es geht auch um die eigene Zukunft. Auch Unternehmen leben von Ressourcen, die sie nicht automatisch selbst reproduzieren. (Stefan Wallner*, DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.11.2009)

Zum Autor

*Stefan Wallner ist Generalsekretär der Caritas Österreich.

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