Die Wirtschaft und wir

28. Dezember 2009, 10:19
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Der gute Kapitalismus braucht gute Unternehmen. Und gute Bürger. Was uns wichtig ist, sollte uns auch etwas wert sein. Es geht auch um Entscheidungen im Alltag.

Die Krise weckt auf, ein bisschen zumindest: Wirtschaften soll anders werden, nachhaltiger jedenfalls und gerechter. Manche Unternehmen, die bisher wenig Augenmerk auf ihre gesellschaftliche Verantwortung legten, interessieren sich für das Thema "Corporate Social Responsibility" (CSR), und immer mehr setzen es um.

"Klassische" CSR integriert soziale und ökologische Herausforderungen in die Unternehmenstätigkeit: Spenden für Umwelt- und Sozialprojekte, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Mitarbeitern und Bildungsmaßnahmen sind wohl die häufigsten Aktivitäten klassischer CSR. Berichtet wird darüber auch immer häufiger.

Eine "strategische" Variante von CSR geht einen Schritt weiter und will Geschäft und Gesellschaft verbinden. Über ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein Geschäftsmodell soll "shared value" geschaffen werden, ein Mehrwert, der Gesellschaft und Unternehmen nützt: Investitionen von Unternehmen in Bildungseinrichtungen helfen diesen, bringen aber auch dringend benötigte Fachkräfte. Erfolgsgeheimnis der strategischen CSR ist die enge Bindung ans Kerngeschäft, wie auch das Erfolgsmodell der "Zweite Bank", einer sozialen Dienstleistung der Erste Stiftung, zeigt.

Eine dritte, "gesellschaftspolitische" Variante von CSR befasst sich mit der Verantwortung des Systems Wirtschaft gegenüber der Gesellschaft. Sie arbeitet - wie das auch die Industriellenvereinigung tut - an den Schnittstellen der beiden Systeme und tritt in Unternehmen und Politik für geeignete Rahmenbedingungen ein: Die gelingende Vereinbarkeit von Familie und Beruf entscheidet unsere Wettbewerbsfähigkeit mit, entscheidet aber auch über unsere Lebensqualität und die demografische Entwicklung.

Die gelingende Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in die Arbeitswelt ist wichtiger Faktor für soziale Kohäsion und zugleich ein Beitrag zur Lösung des Fachkräftemangels. Unternehmen können und sollen viel tun für die "andere Wirtschaft" nach der Krise. Die Unternehmen sind aber nicht "die Wirtschaft" - was tun eigentlich die Bürger?

Am Wochenende stehen wir rätselnd vor dem Eierregal im Supermarkt und überlegen, ob wir das Produkt aus Bodenhaltung kaufen oder uns - um 15 Cent mehr - jenes von Freilandhühnern leisten. Wenn wir am Ende des Monats 100 Euro oder mehr in ein Finanzprodukt investieren, zählt die Performance doch wieder mehr als die Ethik, nach der veranlagt wurde.

Der Klimaschutz ist uns allen ein großes Anliegen, den Eisbären schmelzen ja die Schollen weg. Bezahlt haben für den Klimaschutz bis jetzt vor allem die Firmen, insgesamt war unser ökologisches Engagement schon deutlich höher. Soziale Gerechtigkeit ist uns natürlich wichtig. Wenn man aber Studien glauben darf, steigen Fremdenfeindlichkeit und Materialismus. Zugunsten der Armen sollen vor allem andere verzichten, man lässt sich ungern "etwas wegnehmen". Es muss anders werden, wenn es besser werden soll. Ja. Der gute Kapitalismus braucht aber gute Unternehmen und gute Bürger. (Christian Friesl*, DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.11.2009)

Zum Autor

* Christian Friesl ist Bereichsleiter für Gesellschaftspolitik in der Industriellenvereinigung und ao. Univ.-Prof. am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien.

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