Die Pyramide der Zukunft

28. Dezember 2009, 10:10
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Zur Bewältigung der Systemkrise unseres Wirtschaftssystems braucht es ein grundlegend neues Denken - C. K. Prahalad hat hier schon einmal vorgedacht

Der von der deregulierten Finanzwirtschaft getriebene Kapitalismus der letzten Jahrzehnte hat eine Serie von spekulativen Pyramidenspielen in Gang gesetzt. Nach einer kleinen Schrecksekunde beginnen die Pyramidenbauer aber bereits wieder munter ihr Tagwerk. Das alte Spielgeld ist weg, neues wurde bereits auf Staatskosten verteilt, und der Roulettetisch rotiert wieder auf Hochtouren.

Die sozialen "Kollateralschäden" sind beträchtlich und in ihrer ganzen Tragweite noch nicht absehbar. Zeitweilig in den Hintergrund getreten sind die Klimakrise und die Energiekrise, die im Moment, da die immer noch erdölgetriebene Wirtschaft wieder anspringt, mit voller Wucht zurückkehren wird.
Komplementäre Stärken

"Wir können die Probleme nicht mit jenem Denken lösen, das sie verursacht hat", hat Albert Einstein die Anforderungen an einen Systemwandel treffend formuliert. Wo kann man dieses notwendige neue Denken bereits sehen?

C. K. Prahalad, der von Fachleuten zum zweiten Mal zum einflussreichsten Wirtschaftsdenker gewählt wurde, hat klare Antworten darauf: Es geht um sozial inklusives und ökologisch nachhaltiges Wachstum. Keine besonderen Neuigkeiten, könnte man antworten. Die Neuigkeit daran ist, dass Prahalad dieses Umdenken mit wirtschaftlicher Rationalität begründet.

In seinem Buch The bottom of the pyramid beschreibt er die Bedeutung der erfolgreichen Einbindung bisher vernachlässigter Bevölkerungsschichten in unternehmerische Wertschöpfungsketten. Hier geht es um die Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle zur Beseitigung der globalen Armut, die sozial sinnvoll und wirtschaftlich erfolgreich sind. Ergänzt hat Prahalad diesen Zugang um die ökologische Nachhaltigkeit (Harvard Business Review 9/09).

Einzelne Unternehmen haben in den letzten Jahren verstanden, dass in "sozialen" Produkten und Wertschöpfungsketten und im Bereich des Green Business und der Green Jobs ein enormes Potenzial liegt. Wer hier die besseren Lösungen hat, wird angesichts der Krisenphänomene und ihrer Folgen in Zukunft die Nase vorne haben. Es geht nicht mehr um Schönheitswettbewerbe in CSR-Reports. Hier geht es ums Kerngeschäft, oder wie Prahalad schreibt: "Don't deny the obvious, get on with it and innovate."

Prahalad verweist auch auf die Bedeutung der Zusammenarbeit von Non Governmental Organizations (NGOs) und Wirtschaftsunternehmen, die über komplementäre Stärken verfügen.

Nach jahrelangen ideologischen Kämpfen und zaghaften gemeinsamen Projekten gibt es mittlerweile bereits eine steigende Zahl sogenannter Hybrid-Organisationen, an denen NGOs und Unternehmen gleichermaßen beteiligt sind. In Österreich ist die Zweite Sparkasse ein leuchtendes Beispiel für diesen innovativen Zugang. Hier liegt die Chance, eine andere Form von Pyramidenspiel in Gang zu setzen.

Übrigens: Prahalad hat vor zwei Wochen beim Drucker Symposion in Wien auf die Frage nach dem wichtigsten Ziel im heutigen Management ohne Zögern geantwortet: "Soziale Gerechtigkeit." (Stefan Wallner*, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.12.2009)

Zum Autor

*Stefan Wallner war von 1999 bis November 2009 Generalsekretär der Caritas Österreich. Ab 1. Jänner 2010 ist er Bundesgeschäftsführer der Grünen.

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