Selbst- statt Weltverbesserung

28. Dezember 2009, 09:59
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Warum Haltung zur Wertanlage wird, und warum sich Werte sicher nicht im Leitbild zeigen - und warum die Kosten nicht guten Verhaltens exponentiell steigen werden

"What is hateful to you, do not to your fellow man. This is the law: all the rest is commentary." Talmud, Shabbat 31a. Dieses Zitat ziert die Einleitung von Alan Webber's Rules of Thumb - Rules for winning at business without losing yourself.

Alan ist kein Rabbiner, sondern der langjährigeHerausgeber der Harvard Business Review und Gründer des erfolgreichsten Businessmagazins der USA: Fast Company.

Kann das stimmen? Kann diese uralte Regel aus den Wurzeln der westlichen Kultur für heutige Unternehmer und Manager als Orientierung dienen, oder ist sie eine romantische Belastung für den Shareholder-Value?

Relikte - oder Basis?

Unser Wirtschaftssystem basiert auf Wettbewerb. Dieser ist die Evolution der Unternehmen. Jede Idee fordert eine andere heraus und entwickelt so das bessere (fittere) Produkt. Haben hier die Regel aus dem Talmud, die Nächstenliebe in seiner Fortsetzung oder der Kant'sche Imperativ - wenn auch diese Regeln nicht völlig vergleichbar sind - einen Platz, oder sind diese unbrauchbare Relikte der Religionen und der Sozialethik?

Wettbewerb sollte sich immer am Kundennutzen orientieren und nicht, wie im Kalten Krieg, an der Handlung des Gegners. Bisher war es genug, diesen Nutzen mit einem eindimensionalen Wirkversprechen wie Preis, Qualität oder Convenience zu versehen. Es ging um die Funktion, die möglicherweise durch Kommunikation etwas emotionalisiert wurde.

Heute verlangen die Kunden, den Kontext dieses Produktes zu verstehen: Wo wurde es unter welchen Umständen produziert? Wie sieht die Umwelt- und Sozialbilanz aus, und was macht der Hersteller mit dem Geld, das er damit verdient?

Die Funktion des Produktes bekommt dadurch individuelle Bedeutung für den Kunden. So gesehen hat Alan Webber recht, den Talmud zu zitieren als Grundregel aller Regeln - auch im "Business".

Und so bekommt die Idee der Selbstverbesserung eine neue Dimension. Schale Sätze in Unternehmensleitbildern werden als Worthülsen erkannt, wenn die Taten des Unternehmens eine andere Sprache sprechen. Der amerikanische Konzern Enron hatte zum Beispiel die Worte "Integrität, Kommunikation, Respekt und Exzellenz" in der Eingangshalle seines Headquarters groß erstrahlen lassen. Ein Treppenwitz der Corporate-Governance-Kultur.

Handlungsbilanzen

Werte zeigen sich nicht im Leitbild, sondern in den Handlungen, die zeigen, was ein Unternehmen wertschätzt. Die Belohnungssysteme der Mitarbeiter und die Beförderungskriterien sagen mehr über ein Unternehmen aus als der Leitsatz oder der Claim der Produkte. Eine Handlungsbilanz der Werte ist aussagekräftiger und kompetitiver als eine Handelsbilanz der Wertschöpfung. Die Haltung wird zur Wertanlage und so zum Wettbewerbsvorteil. Der gute alte Satz des Talmuds wird zur Messlatte und letztlich zum Kaufkriterium. "In a hyperconnected world the cost of being evil rises exponentially" (Umair Haque). Und so werden erfolgreiche Unternehmer gute Unternehmer. Im doppelten Sinn. (Thomas Plötzeneder*, DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.12.2009)

Zum Autor

*Thomas Plötzeneder ist Partner des Beratungsunternehmens Gehrer-Plötzeneder DDWS und unterstützt Unternehmen und Institutionen bei strategischen Weichenstellungen.

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