Alternative Sozialunternehmen?

28. Dezember 2009, 09:50
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Warum Sozialunternehmertum nicht bloß ein Modell für die Dritte Welt ist, und wie wir einen Schritt vom quantitativen Wachstumsimperativ abrücken können

In der "guten, alten Wirtschaftszeit" des 20. Jahrhunderts waren, zumindest mit einer bestimmten Vereinfachung betrachtet, die Rollen im Gesellschafts- und Wirtschaftsleben auch unter Berücksichtigung von ideologischen Unterschieden in der westlichen Welt relativ klar verteilt:

Der Staat erfüllt primär hoheitliche Aufgaben, die Unternehmen "wirtschaften" im Markt, erzielen Gewinne und agieren nach dem Wachstumsprinzip. Der 3. Sektor, die Non-Profit-Organisationen, erfüllen als dritte Kraft Aufgaben, bei denen Markt und Staat versagen.

Die reale Rollenverteilung ist in den letzten Jahren deutlich komplexer geworden, was allerdings die Klarheit bezüglich der Rollenverteilung nicht wirklich gefördert hat.

Noch abstrakt

Nach wie vor können viele Unternehmen und Organisationen mit Themen wie Corporate Social Responsibility nur wenig Konkretes anfangen, daran ändert auch eine Vielzahl an einschlägigen Veranstaltungen nichts.

Aufbauend auf den Grundgedanken von Peter F. Drucker haben strategische Vordenker wie Michael Porter oder erst kürzlich in Wien C. K. Prahalad wiederholt eine stärkere Nutzung von marktwirtschaftlichen Modellen zur Lösung sozial- und gesellschaftspolitischer Probleme gefordert. In letzter Zeit wird in diesem Zusammenhang immer öfter das Wort "Sozialunternehmen" verwendet.

Das Grundprinzip ist einfach: Ein Sozialunternehmen leistet einen klaren Beitrag zur Lösung eines sozialen Problems, agiert dabei aber als marktwirtschaftliches Unternehmen mit Gewinnabsicht. Der entstehende Gewinn wird nach Abzug der Investitionskosten ausschließlich für den sozialen Zweck eingesetzt.

Ein Beispiel: Die Grameen Corporation und Danone haben in Bangladesch ein Joint-Venture-Unternehmen zur Herstellung von für die lokale Bevölkerung leistbaren hochwertigen Milchprodukten, insbesondere für Kinder, gegründet. Zur Produktion werden alle lokalen Wirtschaftskräfte eingebunden. Das Unternehmen arbeitet profitabel, die Investitionskosten werden den Eigentümern refundiert, die Gewinne werden in weitere Produktionsstandorte investiert. Mit den Milchprodukten wird die Gesundheit der Kinder gefördert, die lokale Wirtschaft profitiert ebenfalls.

Qualitatives Wachstum

Aus meiner Sicht ein bestechendes Modell, das letztendlich auf einer anderen, qualitativeren Form des "Wirtschaftswachstums" fußt. Es geht hier mehr um Wirkungserzielung und gleichzeitige Stärkung der lokalen Wirtschaft. Kritische Geister werden entgegnen: "Das sind Modelle für die Dritte Welt, in der westlichen Wirtschaftswelt haben diese Ansätze keine Chance."

Weihnachtswunsch

Ich denke, das wäre ein sehr verkürzter Zugang. Hinter dem Modell des Sozialunternehmens steckt ein Gedankengrundgerüst, das zu einem Umdenken bezüglich der Grundprinzipien der modernen Marktwirtschaft zwingt. Und gerade in Zeiten der Weltwirtschaftskrise und des Klimawandels sollten wir jede Möglichkeit in Betracht ziehen, die uns vom rein quantitativen Wachstumsdenken zumindest in Teilbereichen wieder einen Schritt wegbringt. Daher mein Weihnachtswunsch: Geben wir diesen Ansätzen eine Chance! (Christian Horak*, DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.12.2009)

Zum Autor

*Christian Horak ist Leiter des Non-Profit- und Public-Managements, Contrast Management-Consulting

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