Bio-Güter auf Mafia-Grund

27. Dezember 2009, 19:55
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Ehemalige Mafia-Besitztümer erfüllen neue Zwecke

Mailand/Rom - Die Beschlagnahmung von Mafia-Immobilien zählt in Italien zu den wichtigsten Instrumenten im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Nach Angaben des italienischen Innenministeriums hat der Staat seit den 90er- Jahren rund 9000 Immobilien und 1185 Unternehmen von der Mafia konfisziert. Nicht nur in Süditalien, auch in Rom, Mailand und Turin wurden in letzter Zeit zahlreiche Mafiosi vom Staat enteignet.

Ein Großteil der beschlagnahmten Immobilien wird zu sozialen oder kulturellen Zwecken genutzt. Die inzwischen international bekannte "Casa del Jazz" im Zentrum Roms etwa, Italiens "Jazz-Tempel" schlechthin, war bis 2004 in Besitz der ehemaligen römischen Verbrecherbande Magliana, die der Cosa Nostra nahestand.

Organisierte Neunutzung

Neue Kultur-und Sozialzentren auf "Mafia-Grund" entstehen auch in Norden. Dafür sorgt die Organisation Libera. Diese hat Anfang der 90er-Jahre das Verfahren zur gesetzlichen Beschlagnahmung von Mafiagütern beschleunigt und dafür gesorgt, dass diese für soziale Zwecke genutzt werden können. Derzeit verwaltet Libera sechs Güter und verwendet diese vorrangig zum Anbau von Bioprodukten. Unter der Marke "Libera Terra" werden Honig, Marmelade und Milchprodukte in den Supermärkten des Genossenschaftskonzerns Coop vertrieben. Derzeit baut Libera eine eigene Supermarktkette auf. In Palermo, Rom, Neapel und Pisa gibt es bereits erste Geschäfte.

Die Belfiores, eine der führenden Familien der 'Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, mussten kürzlich Libera ihre Supervilla in San Sebastiano nahe Turin überlassen. 1000 Quadratmeter Wohnfläche bietet die Villa auf drei Etagen, dazu reichlich Grünland. "Hier wollen wir in den nächsten Monaten 200 Nussbäume pflanzen", erklärt Isabella Spezzano von Libera, die nun für die Villa verantwortlich ist. Im Haus soll ein Zentrum des sozialen Widerstandes gegen das organisierte Verbrechertum entstehen. Das sei "die größte Demütigung für die Mafia", sagt Spezzano.

Der Kampf gegen die Mafia droht derzeit durch die geplante Justizreform von Regierungschef Silvio Berlusconi gebremst zu werden. Berlusconi besteht auf die so genannten kurzen Prozesse, wodurch nicht nur die Verfahren gegen ihn selbst, sondern auch gegen etliche Mafiabosse eingestellt würden. Auch will er die von den Richtern bei organisierten Verbrecherbanden eingesetzten Abhörverfahren stoppen. (tkb/DER STANDARD, Printausgabe, 28. Dezember 2009)

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