Kein Patentrezept gegen Terror

27. Dezember 2009, 18:42
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Der internationale Luftverkehr bleibt trotz aller Sicherheitsmaßnahmen verwundbar

Der Flugzeuganschlag am Weihnachtstag wurde vereitelt - ebenso wie der Attentatsversuch des "Schuhbombers" Richard Reed vor genau acht Jahren und das Komplott britischer Extremisten, die 2006 mit Flüssigsprengstoff gegen USA-Flüge vorgehen wollten. Seit dem Massaker am 11. September 2001 haben international agierende Terroristen immer nur abseits des Flugverkehrs Erfolg gehabt: mit Bomben in Zügen, U-Bahnen oder Discotheken oder einfach mit Schüssen auf Menschenmassen.

Dennoch bleibt die Luftfahrt die Achillesferse des westlichen Anti-Terror-Kampfes. Nirgendwo fühlen sich Menschen so verwundbar wie 10.000 Meter über dem Boden, eingepfercht in einen Blechbüchse, aus der es kein Entkommen gibt. Und anders als im Bahnverkehr bleiben nach Anschlägen auf Flugzeuge die Passagiere weg, mit dramatischen finanziellen Folgen.

Doch trotz aller Sicherheitsinvestitionen auf Flughäfen und neuen Vorschriften, die viele Passagiere als Schikane empfinden, ist die absolute Sicherheit in der Luft eine Illusion. Wie der jüngste Vorfall zeigt, gibt es fast immer einen Weg, Sprengstoff an Bord zu schmuggeln. Möglicherweise war am Amsterdamer Flughafen auch Nachlässigkeit im Spiel. Aber kein Flughafen der Welt ist in der Lage, tausende Fluggäste in einer vernünftigen Zeit so zu kontrollieren, dass jede Eventualität ausgeschlossen wird.

Nach jedem Anschlag wird mit neuen Sicherheitsmaßnahmen auf das letzte Versäumnis reagiert - nach 9/11 kam das Messerverbot, nach dem Schuhbomber das obligatorische Schuhausziehen, wegen der Flüssigsprengstoff-Verschwörer die Beschränkung der Flaschengrößen im Handgepäck. Stets wird der Brunnen zugedeckt, nachdem das Kind hineingefallen ist. Die Terroristen hecken dann bereits den nächsten Plan aus, gegen den die Verschärfung wenig nützt.

Das gilt auch für das nun von einigen Fluglinien verkündete Verbot, in der letzten Stunde vor der Landung vom Sitzplatz aufzustehen - als ob Terroristen nicht auch schon vorher ihre Vorbereitungen treffen könnten.

Nacktscanner, mit dem der Sprengstoff am Körper des Nigerianers vielleicht entdeckt worden wäre, wurden hingegen auf öffentlichen Druck in der EU nicht eingeführt. Das könnte sich jetzt ändern und wäre ein sinnvoller Schritt. Denn durch die sekundenlange Durchleuchtung vor Sicherheitsbeamten wird viel weniger in die Privatsphäre eingegriffen als etwa mit einem einstündigen Toilettenverbot.

Aber auch der Nacktscanner ist hilflos gegenüber Selbstmordattentätern, die Sprengstoff im eigenen Magen verbergen - wie jüngst bei einem Attentatsversuch auf einen saudischen Prinzen.

Auch die Anti-Terror-Listen der Amerikaner erweisen sich als löchrig. Der junge Nigerianer stand nach einer Warnung seines Vaters auf einer Liste, dennoch schlug niemand am Flughafen Alarm. Dafür geraten jedes Jahr tausende völlig arglose Flugreisende durch Verwechslung in die Fänge der Sicherheitsbehörden.

Irgendwann in den nächsten Jahren wird ein fanatisierter Flugzeugattentäter wohl Geschick und Glück auf seiner Seite haben und sein blutiges Werk vollenden. Weder Scanner noch Listen können das völlig verhindern - genauso wenig wie der "Krieg gegen den Terror" des früheren US-Präsidenten. Auch gegen die Fanatisierung gebildeter junger Menschen in London oder Hamburg gibt es kein Patentrezept. Und der jahrelange teure Kampf gegen Al-Kaida in Afghanistan hat offenbar nur zur Folge, dass nun der Jemen, ein weiterer gescheiterter Staat, zur neuen Hochburg des Terrornetzwerks wird.

Bei allen notwendigen Bemühungen wird die Welt auch im neuen Jahrzehnt mit der Terrorgefahr leben müssen. (Eric Frey/DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2009)

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