Wunsch nach Umsturz

27. Dezember 2009, 18:25
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Das Regime hat es geschafft, durch seine Reaktionen in einer Bewegung den revolutionären Wunsch nach Umsturz zu wecken

Die Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften im Iran werden brutaler. Zwar bekennt sich die „grüne Bewegung" weiter zur Friedfertigkeit. Aber die Wut mancher Demonstranten ist nicht zu verkennen, und sie wird mittlerweile durch relative Harmlosigkeiten geschürt wie das herablassende Kondolenzschreiben des religiösen Führers Ali Khamenei für den verstorbenen regimekritischen Großayatollah Montazeri.

Khamenei steht längst im Zentrum der Proteste. Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad, dessen umstrittene Wiederwahl die Bewegung ausgelöst hat, wird nur noch als Symptom wahrgenommen. Die Antipathie gegen seine rechtsradikale Clique wurde auf das ganze System umgelegt. Und das Regime hat es geschafft, durch seine Reaktionen in einer Bewegung, die zu Beginn mehrheitlich eine Reform und eine Öffnung dieses Systems wollte - und dieser Wunsch war verkörpert durch den Systemträger Mir-Hossein Mussavi -, den revolutionären Wunsch nach Umsturz zu wecken.

Soziologisch gesehen ist die „grüne Bewegung" eine sehr bunte geworden, mit Menschen aus allen Schichten und mit allen Hintergründen. Ihre gemeinsame Vision - Freiheit und Gerechtigkeit - ist noch kein gemeinsames Konzept für eine postislamische Republik. Das erklärt die Wichtigkeit von Integrationsfiguren wie Montazeri, der zu Lebzeiten nicht viel mehr als ein Überlebender war. Jetzt können sich in ihm - besser gesagt in seinem Bild - iranische Atheisten genauso sehen wie gläubige Schiiten alten Schlages, die nicht wollen, dass Mullahs die Staatsgeschäfte führen. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2009)

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