Ein Krieg im Norden, eine erstarkende Sezessionsbewegung, Armut und Korruption schaffen im Jemen Al-Kaida Raum zur Ausbreitung
Längst wird der Jemen in Geheimdienstkreisen als das Sorgenland Nummer eins genannt, wenn es um die Konzentration von - teilweise von woanders vertriebenen - Kräften der Al-Kaida geht. Jemen, die Heimat von Osama Bin Ladens Vater, hat Pakistan und Afghanistan als Rückzugsgebiet für Extremisten verdrängt - was ein Fragezeichen hinter jeden Erfolg der Amerikaner und der Nato in Afghanistan setzt. Schon wird spekuliert, ob Jemen das nächste Land sein könnte, in dem ein US-Präsident seinen "war on terror" führen wird.
Aber nicht nur, dass sich ausländische Extremisten im Jemen ansiedeln, Al-Kaida scheint auch beträchtliche Erfolge unter der Bevölkerung zu haben - denn ohne lokale Unterstützung würde die Ausbreitung nicht so gut funktionieren. Besonders junge Menschen wenden sich von dem von internen Kämpfen, Armut und Korruption geschwächten Staat ab und jenen zu, die im Jihad einen neuen Lebenssinn versprechen. Die Trainingslager finden sie bereits im eigenen Land.
Ganz neu ist diese Radikalisierung allerdings nicht - die Mehrzahl der verbleibenden Guantanamo-Häftlinge stammt aus dem Jemen. Die jemenitische Regierung hatte nach 2001 auch auf Rehabilitierungsprogramme gesetzt, die international gelobt wurden. Das gewonnene Terrain wurde gleichzeitig anderswo wieder verloren.
Im Jemen laufen gleich mehrere bewaffnete Konflikte gleichzeitig, die den Staat schwächen und Al-Kaida Raum verschaffen. Medial am meisten präsent ist im Moment der Krieg zwischen der jemenitischen Regierung und den zaiditischen Huthi-Rebellen in der Provinz Saada an der saudi-arabischen Grenze. Es ist dies ein vieldimensionaler Konflikt: Die einstmals regierenden Zaiditen, einer schiitischen Sekte angehörend, fühlen sich von einer zunehmend "wahhabitisierten" Regierung in Sanaa unterdrückt.
Iranisch-saudischer Konflikt
Nicht umsonst unterstützen Truppen aus Saudi-Arabien - wo die streng-sunnitische Wahhabiya Staatsdoktrin ist - die jemenitische Regierungsarmee. Seit der Iran beschuldigt wird, hinter den Huthis zu stehen, ist auch ein indirekter saudisch-iranischer Konflikt daraus geworden.
Versuche, die Huthi-Rebellen als Kaida-Verbündete oder gar -Angehörige hinzustellen, sind jedoch absurd (so bezeichnete eine Nachrichtenagentur unlängst den verwundeten Huthi-Anführer als "Kaida-Führer" ). Der jemenitische Staat hat ein Interesse daran, die Rebellen als einfache Terroristen hinzustellen. Richtig ist jedoch, dass Al-Kaida unter den zaiditischen Flüchtlingen rekrutiert und sie zum "wahren Islam" bekehrt.
Dazu kommen die seit der Wiedervereinigung von Nord- und Südjemen 1990 schwelenden Sezessionsgelüste des Südens. Auch sie werden stärker, je schwächer das Zentrum ist, das den Beschwerden über die Marginalisierung - nicht unähnlich denen im Norden - immer weniger entgegensetzen kann. Die Sezessionistenbewegung hat mittlerweile ihre Solidarität mit den Huthis erklärt.
Ansteckungsängste
Auch in diesen Raum dringt Al-Kaida vor. Der jemenitische Zweig der Organisation hat vor kurzem mit dem saudi-arabischen fusioniert. Szenarien, dass Jemen zu einem zweiten Somalia werden könnte, einem "failed state" , schrecken nicht nur die USA, sondern auch die Nachbarländer. Sie schwanken zwischen Ansteckungsängsten und dem Bewusstsein, helfen zu müssen. Saudi-Arabien, aber auch der Oman engagieren sich jetzt stärker wirtschaftlich. Qatar vermittelte einen Waffenstillstand zwischen Huthis und Sanaa und versprach, die nördliche Provinz entwickeln zu helfen. Mit der jüngsten Eskalation des Konflikts ist das jedoch hinfällig.
Jemen - regiert vom Langzeitpräsidenten Ali Abdullah Saleh - bezahlte nach 1990 dafür, sich auf die Seite Saddam Husseins gestellt zu haben. Nach 2001 wählte Saleh die Allianz mit den USA: Auch das ist ihm nicht gut bekommen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2009)