Wir werden Weltpräsident: Was den Blättern ab 2010 blüht

27. Dezember 2009, 18:29
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Medienriese abgeblasen, Alternativen gesucht - Presseförderung prüfen - Zeitungen kämpfen - Neue Medientage - Pirker wärmt für Weltverband auf

Der Deal des Jahres 2010 wird keiner, Kartellrichter aller Instanzen wie Konkurrenten können sich entspannen: Die Moser Holding zuckte spät im Jahr 2009 doch zurück, sich der Styria (Kleine Zeitung, Die Presse, Wirtschaftsblatt) einzuverleiben. Angekündigte Großfusionen finden nicht statt.

Die Moser Holding könnte sich 2010 nach neuen Partnern umsehen. Der Mutter von Tiroler Tageszeitung und Oberösterreichischer Bezirksrundschau werden hohe Verbindlichkeiten nachgesagt, die sie freilich verneint. Ob die Mosers für ihren Rücktritt den Grazern Schadenersatz zahlen müssen, könnten 2010 Gerichte zu klären haben. Moser-Erbverwalter Ernst Buob garnierte die Erklärung zum Rückzug ja mit dem Satz: "Das Vorliegen von Gründen für den Rücktritt wird von der Styria bestritten."

Leider-Nein-Bräutigam Styria könnte nach neuen Betätigungsfeldern Ausschau halten. Im Ausland etwa, aber nicht nur: Ihr Boss Horst Pirker dachte zuletzt laut über eine Gratisausgabe der Kleinen für Wien nach. Oder alternativ über einen Einstieg beim Kurier. Dem attestierte Pirker allerdings ein paar Wochen zuvor noch ernste Krankheitssymptome.

Pirker, gerade 50, verabschiedet sich 2010 vom Präsidentenamt beim Zeitungsverband VÖZ. Die Kollegen hat er aufgefordert, im Jänner Nachfolger vorzuschlagen.

Das Gegenüber der Verleger, die Journalistengewerkschaft, wählt den nächsten Vorsitzenden Mitte Jänner. Der Präsident muss sich nicht groß einarbeiten: Franz C. Bauer, der wieder die einzige Liste anführte, dürfte bleiben. Kontinuität empfehlen die Verhandlungen über den neuen Journalisten-Kollektivvertrag. Den Neustart des Presserats hat Bauer schon ausverhandelt, er soll 2010 die Arbeit aufnehmen.

Pirker widmet sich ab 2010 noch einem größeren Horizont: Er wird Präsident des Weltverbands der Zeitungen - allerdings erst 2011.

Wo wir schon bei internationalen Personalia sind: Hans Werner Kilz' Vertrag als Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung läuft bis Ende 2010. Kilz ist dann 67.

Nichts gegen die Seniorenarbeit bei Österreichs größtem Kleinformat: Hans Dichands 89. Geburtstag steht am 29. Jänner 2010 an. Der Krone-Boss fährt noch immer praktisch jeden Morgen ins Pressehaus in der Wiener Muthgasse. Das Gehen fällt schwer, bei der Weihnachtsfeier wurde er erstmals im Rollstuhl gesichtet.

Nur noch einen Geschäftsführer könnte die Mediaprint künftig nach dem Wunsch etwa von Mitgesellschafter WAZ haben. Sie soll von der wirtschaftlichen Schaltzentrale ihrer Zeitungen auf eine Art Servicegesellschaft für "Krone" und" Kurier", etwa in Druck und Vertrieb, reduziert werden. Die Mediaprint verhandelte zuletzt auch darüber, ihrer kostenlosen "Bezirksjournale" mit den Gratisblättern des Niederösterreichischen Pressehauses zu vereinen.

Den Vertrieb könnte die Mediaprint für das Tiroler Zeitungsprojekt übernehmen, das der ehemalige "TT"-Chefredakteur Frank Staud mit den "Salzburger Nachrichten" und den "Oberösterreichischen Nachrichten" plante. Die Realisierungschancen könnten sich bei jenen 30 bis 40 Prozent bewegen, die der ehemalige "Presse"- und "Wiener Zeitung"-Chefredakteur Andreas Unterberger seinem Plan einer (wohl kaum täglichen) neuen Zeitung im etat.at-Chat gab.

Flut von Zeitungszugaben und -gewinnspielen

Das Klags-Pingpong zwischen Krone und Herausforderer Österreich könnte Österreich eine neue Flut von Zeitungszugaben und -gewinnspielen bescheren: Deren Beschränkung im österreichischen Wettbewerbsrecht prüft gerade der EU-Gerichtshof. Der fand schon verwandte Regelungen anderer Staaten übertrieben.

Dichands Schwiegertochter und Heute-Herausgeberin Eva Dichand, die Frau von Krone-Chefredakteur Christoph D., bereitet für 2010 die nächste Attacke auf Krone-Herausforderer Wolfgang Fellner und sein Österreich vor. Mit eigenem Team und extra Gesellschaft plant sie - wohl zur Fußball-Weltmeisterschaft im Juni - eine Sonntagsausgabe für ihr Gratisblatt. Mit der lassen sich weitere Inseratenbudgets, etwa der Wiener SPÖ, vor der Wahl abschöpfen.

Fellner revanchierte sich noch 2009 mit Wettbewerbs- und Kartellverfahren gegen den Exklusivvertrag von Heute mit den Wiener Linien. Mit Entscheidungen ist 2010 zu rechnen. Dieser Deal mit den Verkehrsbetrieben ist einer der entscheidenden Startnachteile von Österreich.

Härter als das Fellner-Blatt, wenngleich wohl mit um manche Millionenstelle geringeren Verbindlichkeiten, tut sich eine andere lange von der SPÖ finanzierte Tageszeitung: Die Kärntner Sozialdemokraten trennten sich Ende 2009 von ihrer Mehrheit an der Kärntner Tageszeitung. Die Mediaprint gab parallel dazu deren Vertrieb und Marketing auf. Chefredakteur und Manager übernahmen das Kleinformat im Süden.

Auch einige Auflagen weiter westwärts tut sich ein Kleinformat hart: Die Neue Vorarlberger Tageszeitung bereitete dem renditebewussten Eigentümer Eugen Russ nach Vorarlberger Quellen schon 2009 wenig Freude. Wenn sie die Presseförderung 2010 abgeholt hat, könnte ein schon länger kolportiertes, von Russ dementiertes Szenario wieder aktueller werden: Das weit kleinere Beiboot der Vorarlberger Nachrichten könnte doch zum Sonntagsblatt mutieren.

À propos Presseförderung: Laut Koalitionsprogramm wollen SPÖ und ÖVP sie evaluieren. Das Staatssekretariat überlegt gerade, wann und wie. Grobe Änderungen muss die EU absegnen - wie jede neue Beihilfe.

Auch nach deren Reform dürfte der etwas marode Wiener keine Förderung erhalten, über dessen Zukunft die Styria oft rätselt.

Diskutieren soll die Branche all das und mehr bei völlig reformierten Österreichischen Medientagen im Herbst 2010 in Halle F der Wiener Stadthalle.

Fortsetzung folgt. Was fehlt? Anregungen bitte hier posten. (Harald Fidler, DER STANDARD; Printausgabe, 28.12.2009, online ergänzt)

 

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    Keine Fusion, aber Chef des Zeitungsweltverbands: Pirker.

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