"Schlierenzauer macht Luft für alle dünner"

27. Dezember 2009, 18:16
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ÖSV-Sportdirektor sorgt sich mehr um die Form der Jury als um die Verfassung seiner Skispringer -STANDARD-Interview

Standard: Österreichs Skispringer kommen mit zwei Saisonsiegen durch Gregor Schlierenzauer und fünf weiteren Podestplätzen zur Tournee. Wolfgang Loitzl ist Titelverteidiger. Ist es da schwierig, die eigenen Erwartungen zu dämpfen? Was erhoffen Sie sich?

Innauer: Wir sind jedenfalls gewappnet, gerüstet für die Tournee. Ich selbst erwarte mir, dass wir eine gute Rolle spielen, weil die Mannschaft, so jung sie zum Teil noch ist, schon die nötige Routine für diese Veranstaltung mitbringt.

Standard: Das klingt eher defensiv. Kein Wort vom Gesamtsieg?

Innauer: Man muss mit einem gewissen Respekt an die Sache herangehen. Bei vier solchen Springen in so kurzer Zeit muss für den Gesamterfolg viel zusammenpassen. Die Springen in Oberstdorf und Garmisch sind oft recht problematisch, laufen manchmal nicht so rund, auch von den Verhältnissen her. Ich sage, dass ich mir den einen oder anderen Einzelsieg wünsche. Und dass wir mit guten Chancen in der Gesamtwertung nach Innsbruck kommen.

Standard: An wen denken Sie, wenn Sie "wir" sagen?

Innauer: Das ist schon bewusst so gesagt, weil die Mannschaft sehr geschlossen ist. Gut, Schlierenzauer hat zweimal gewonnen, aber Thomas Morgenstern, Wolfgang Loitzl und Andreas Kofler, der auffällig konstant ist, standen in dieser Saison alle schon zumindest einmal auf dem Podest. Und wer dahinter kommt, darf man nicht vergessen. Die Tournee schreibt gerne eigene Geschichten.

Standard: Die Gefahr, an den eigenen Ansprüchen zu scheitern, ist immer gegeben. Morgenstern ist das bei der WM in Liberec passiert, Schlierenzauer bei der Tournee. Weil sie noch so jung sind? Wurde da besonders gearbeitet?

Innauer: Dass die eigenen Ansprüche bremsen können, haben auch schon 30-Jährige erfahren. Schlierenzauer ist für sein Alter, auch was das betrifft, schon sehr reif. Morgenstern hat aus Liberec sicher gelernt. Sie wollen den Erfolg natürlich unbedingt, aber sie wissen auch, dass sie entspannt sein müssen für die Choreografie, die sie für perfekte Sprünge brauchen.

Standard: Bei Schlierenzauer besteht eher die Gefahr, dass er für die Verhältnisse zu perfekt springt. Ist sein Können für die Jury einfach nicht beherrschbar?

Innauer: Schlierenzauer macht die Luft für alle dünner. Aber jeder Springer in seiner Hochform kann für den Rest des Feldes zum Spielverderber werden. Es kommt immer darauf an, wie damit umgegangen wird. Dafür haben wir ein Reglement.

Standard: Das Ihrer Ansicht nach bei Schlierenzauer schon mehrmals nicht richtig angewandt wurde. Nach seinem Sturz in Lillehammer haben Sie einen offenen Brief an Fis-Präsident Gian-Franco Kasper gerichtet. Darin schreiben Sie, dass die Schwerpunktsetzung und Gewichtung der Jury-Entscheidungsgrundlagen zunehmend die Gefährdung der Gesundheit einzelner Sportler in Kauf zu nehmen scheinen. Haben Sie schon eine Antwort bekommen?

Innauer: Es wird eine Antwort geben, das hat mir Kasper persönlich zugesagt. Ich habe den Brief geschrieben, weil es Schlierenzauer jetzt schon viermal passiert ist, dass ein bei den herrschenden Bedingungen für ihn offensichtlich zu langer Anlauf nicht verkürzt wurde. In der vergangenen Saison war das so am Kulm, in Vikersund und in Vancouver, zuletzt in Lillehammer. Nur Glück und sein großes Können haben ihn da vor schweren Verletzungen bewahrt.

Standard: Es wurde argumentiert, die Trainer hätten Schlierenzauer herausnehmen können. Er hätte von sich aus den Anlauf verkürzen können. Für Sie keine Option?

Innauer: Nein, wir verzichten nicht auf einen Wettkampf. Die Exekutive muss schauen, dass die Spielregeln eingehalten werden. Das ist auf der Bundesstraße auch so. Das Reglement ist auf dem Stand der Zeit. Es sind Konstellationen vorstellbar, in denen wir reagieren müssen. Was wir aber auf keinen Fall wollen, ist, dass die Jury den Anlauf bestimmt, es dann aber dem Trainer und Sportler überlässt, als Korrektiv zu wirken.

Standard: Trainer Alexander Pointner hat angedeutet, dass bei Österreichern mit anderen Maßstäben gemessen werden könnte. Glauben Sie an gezielte Benachteiligung?

Innauer: Ich bin distanziert genug, es so zu sehen, dass das nicht gegen uns gerichtet ist. Was die anderen Mannschaften betrifft, ist es normal, dass ihnen das Hemd näher als der Rock ist. Jeder will seine eigenen Chancen optimieren. Es ist klar, dass viele mit den geringen Anläufen, die einem Schlierenzauer in Topform genügen, große Probleme haben. In der Nachbearbeitung ist dann manchmal zu hören, dass vor allem die Österreicher gegen die Einführung des neuen Reglements mit der Wertung eines Durchgangs trotz unterschiedlicher Anlauflängen gewesen wären. Wir wollten das nur besser getestet sehen. Uns reicht es derzeit, wenn das bestehende Reglement richtig angewendet wird.

Standard: Gibt es vielleicht eine gewisse Sorglosigkeit, weil schon länger keine schweren Unfälle im Skispringen passiert sind?

Innauer: Fest steht, dass wir nicht das Risiko der Alpinen haben. Aber wir Älteren haben genug schwere Stürze in Erinnerung. Ich sage, es ist deshalb so lange nichts passiert, weil das Reglement prinzipiell schon gut ist.

Standard: Warum hat die Jury dann Probleme, es richtig anzuwenden? Ist das eine Sache der Schulung?

Innauer: Die Tradition des Sports hat hohen Respekt vor den Gefahren des Skispringens. Ich habe aber zunehmend das Gefühl, dass die Güterabwägung in die falsche Richtung gehen könnte. Man hat bei einem Wettkampf oft mehr die Zuseher, die Fernsehquoten im Auge. Da wird schnell einmal ein Durchgang durchgepeitscht. Der Fokus sollte aber unbedingt auf den Athleten liegen.

Standard: Glauben Sie, dass Ihr Brief bei den Verantwortlichen etwas bewirkt hat?

Innauer: Es besteht die Hoffnung. Mir ist es vor allem darum gegangen, dass die Probleme wahrgenommen werden. Man kann nicht so tun, als ob nichts gewesen wäre. (Sigi Lützow, DER STANDARD Printausgabe 28.12.2009)

Zur Person:

Anton Innauer (51) aus Vorarlberg, Olympionike 1980, ist seit 1993 nordischer Sportdirektor im ÖSV, seit 1999 ausschließlich für Sprunglauf und Kombination zuständig.

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    Anton Innauer hat den Verdacht, dass beim Skispringen die Einschaltquoten zuweilen höhere Priorität als die Gesundheit der Athleten genießen.

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