Strenge Kontrollen bei Reisen in die USA

27. Dezember 2009, 18:00
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Betroffen sind Reisende, die nach Washington oder New York wollen - Auch EU überprüft Sicherheitsvorkehrungen im Luftverkehr

Brüssel/Wien - In der Europäischen Union werden nach dem vereitelten Terroranschlag auf ein aus Amsterdam kommendes US-Flugzeug die Sicherheitskontrollen auf den Flughäfen überprüft. "Das ist ganz eindeutig ein sehr schwerwiegender Vorfall", sagte Kommissionssprecher Mark English am Montag in Brüssel. "Sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind, werden wir unsere eigenen Schlüsse ziehen und entsprechend handeln."

Der 23-jährige Nigerianer Umar Faruk Abdulmutallab hatte am ersten Weihnachtstag Sprengstoff an Bord eines mit 278 Passagieren besetzten Airbus der US-Gesellschaft Delta geschmuggelt und entzündet. Eine Katastrophe wurde vor allem durch das beherzte Eingreifen von Passagieren verhindert.

Ein Expertenkomitee für Sicherheit im Luftverkehr werde sich mit den Details des Vorgangs befassen, sagte der EU-Kommissionssprecher. Eine Sondersitzung dieses Gremiums sei jedoch derzeit nicht geplant. Erst im November hatten die Experten empfohlen, das 2006 eingeführte Verbot der Mitnahme von Flüssigkeiten schrittweise bis 2014 auslaufen zu lassen. Darauf hatten sich auch die EU-Regierungen geeinigt. Voraussetzung sei jedoch, dass es bis 2013 Scanner gebe, die Flüssigsprengstoff am Körper von Passagieren entdecken könnten.

Strenge Kontrollen

Anstellen beim Check-in, Zeittotschlagen beim Kaffee, orientierungslose Reisende: Es herrscht der übliche Sonntagsbetrieb auf dem Flughafen Wien-Schwechat. Abgesehen von einer kurzen Durchsage, die die Passagiere zum rechtzeitigen Einfinden bei der Sicherheitskontrolle mahnt, weist nichts darauf hin, dass die Kontrollen für USA-Reisende verschärft worden sind - seit Umar Faruk Abdulmutallab am ersten Weihnachtsfeiertag versucht hatte, auf einem Northwest-Airlines-Flug von Amsterdam nach Detroit flüssigen Sprengstoff zu zünden.

Die Betroffenen in Wien scheint dies wenig zu kümmern: Nicht eine einzige Frage habe man ihr bisher zu dem Thema gestellt, erklärt die freundliche Dame am Informationsschalter des Flughafens. „Anscheinend kommen alle Passagiere schon gut informiert hier her."

Notfalls bis auf die Unterhose, hatte Innenministeriums-Sprecher Rudolf Gollia am Wochenende erklärt, sollen die Fluggäste kontrolliert werden. Seit Samstagmittag müssen alle die Schuhe ausziehen und werden visitiert - unabhängig davon, ob der Metalldetektor anschlägt oder nicht. Die Passagiere müssen zudem ihr Handgepäck öffnen und jedes einzelne Stück vorzeigen. „Derzeit ist nicht absehbar, dass diese Bestimmungen wieder zurückgenommen werden", sagte Gollia Sonntagnachmittag im Gespräch mit dem Standard. Probleme oder Verspätungen habe es bisher nicht gegeben.

Zwei Flüge in die USA

Betroffen sind Reisende, die nach Washington oder New York wollen. Zwei Direktflüge in die USA, angeboten von den Austrian Airlines, starten täglich in Wien. Wer mit Zwischenstopp in die Vereinigten Staaten reist, dem steht die gründliche Kontrolle auf einem anderen Flughafen bevor.

Auch im Flugzeug wird es für die Passagiere unangenehmer - zumindest, wenn sie mit bestimmten Airlines reisen. So kündigten British Airways und Air Canada an, dass eine Stunde vor der Landung niemand mehr aufstehen darf. Außerdem dürfen die Fluggäste in diesem Zeitraum nicht mehr an ihr Handgepäck. Während des gesamten Fluges sind Gegenstände auf dem Schoß vorerst nicht gestattet.

Nun ist bereits eine neue Debatte über Flugsicherheit in Gang gekommen: In den USA kündigten Kongressvertreter Anhörungen dazu an, wie der mutmaßliche Attentäter der Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden entgehen und schließlich den Sprengstoff an Bord der Maschine schmuggeln konnte. Auch US-Präsident Barack Obama will das laut seinem Sprecher Robert Gibbs überprüfen lassen. Zudem soll das System der Beobachtungslisten untersucht wurden - der mutmaßliche Attentäter Umar Faruk Abdulmutallab stand schließlich auf der Watchlist.

Nacktscanner statt Detektor

Der frühere Leiter der Sicherheitsabteilung von Northwest Airlines, Douglas R. Laird, forderte am Sonntag, die Metalldetektoren an Flughäfen durch die umstrittenen Nacktscanner zu ersetzen, die Passagiere bis auf die Haut durchleuchten können.
Die Airlines selbst halten sich über aktuelle oder künftig zusätzlich geplante Sicherheitsvorkehrungen bedeckt. AUA-Vorstand Peter Malanik sagte zum Standard, der Ball liege nun bei den Behörden. Die zuständige US-Behörde müsse sich mit den jeweiligen Innenministerien in Verbindung setzen und besprechen, ob es Änderungen geben soll.

"Sky Marshall" an Bord

Seit den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 ist bei den US-Airlines bei jedem Flug ein Sicherheitsbeamter, ein so genannter Sky Marshall, an Bord. US-Medien spekulieren, das jene Person, die den mutmaßlichen Täter gemeinsam mit einem Passagier überwältigt hat, ein Sky Marshall gewesen sein könnte. Die Airlines in Europa entscheiden je nach Sicherheitslage und Destination, ob ein Beamter angefordert wird. Einen Fixplatz haben die Sky Marshalls auf Flügen nach Israel, aber auch auf ausgesuchten Nordamerika-Strecken.

Während die Lufthansa ihren Passagieren in Richtung USA nun empfiehlt, drei Stunden vor Abflug an Bord zu kommen, wartet ihr Star-Alliance-Partner United Airlines ab: „Wir passen unsere Sicherheitsmaßnahmen nicht bei Bedarf an." Möglich sei allerdings eine zweite Passagierkontrolle vor dem Boarding, sagte ein Sprecher von United.

Airliner sagen übrigens hinter vorgehaltener Hand, dass der Flughafen Schiphol in Amsterdam jener in Europa mit den laschesten Kontrollen sei. Von dort käme auch das meiste Rauschgift in Umlauf. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2009)

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    Bitte warten heißt es - wie hier in der Schweiz - für USA-Reisende. Von Wien aus gibt es täglich zwei Direktflüge in die Staaten.

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