Umgedeutete Ashura-Feiern

27. Dezember 2009, 17:07
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Historische Trauer um Hussein, konkrete um Montazeri

Teheran - Ayatollah Hossein-Ali sei "zur rechten Zeit" gestorben, sagen manche Unterstützer der iranischen Opposition, ohne zynisch sein zu wollen: Tatsächlich hat das Zusammenfallen der schiitischen Ashura-Feierlichkeiten mit dem nach einer Woche üblichen Gedenken für den verstorbenen Reformkleriker der "grünen Bewegung" neuen Auftrieb gegeben.

Die Opposition nützt jede vom Kalender vorgesehene Gelegenheit, auf die Straße zu gehen - das "Umdeuten" von Demonstrationen ist an und für sich nichts Neues in repressiven Regimen. Ashura, am 10. des Monats Muharram, ist ein hoher Feiertag in der schiitischen Welt, der die für die Schia identitätsstiftende Leidensgeschichte des Imam Hussein zum Inhalt hat:

Hussein, der Sohn des vierten Kalifen und Muhammad-Schwiegersohns Ali, das heißt selbst ein Enkel des Propheten Muhammad, zog sich nach Alis Ermordung 661 nach Medina zurück (mit seinem älteren Bruder Hassan, der 669 starb). Nach dem Tod des ersten (sunnitischen) Umayyadenkalifen Muawiya I. 680 verweigerte Hussein dessen Sohn Yazid I. den Gehorsam und wurde von den Umayyaden bei Kerbala getötet - wobei es grausige Geschichten über sein Leiden und das Schicksal seiner Familie gibt, dessen in Passionsspielen gedacht wird. Für viele Schiiten ist die Schlacht von Kerbala der Inbegriff des Kampfs zwischen Gut und Böse.

Dass Montazeris Tod - der vom Establishment der Islamischen Republik gehasst wurde - so stark in die diesjährigen Ashura-Feiern hineinspielt, mag manchem Gläubigen tatsächlich wie eine Fügung von oben vorkommen. Es erinnert an die Frage, ob die Mehrzahl der hohen Geistlichen überhaupt noch hinter dem System steht. Zu Montazeris Begräbnis kamen nicht alle Großayatollahs, aber doch die meisten. Dass Montazeris Haus beschädigt und die Trauerfeiern unterbrochen und abgesagt wurden, empört viele Iraner zutiefst. Revolutionsführer Ali Khamenei hat sich durch seine Kondolenzbotschaft zusätzlich unbeliebt gemacht, weil er darin von irdischen Fehlern sprach, die Gott Montazeri verzeihen möge. (guha/DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2009)

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