Massen begingen "Tag des Blutes"

27. Dezember 2009, 17:07
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Die Opposition zeigte auf den Straßen Teherans und anderer Städte neuen Mut, berichten Augenzeugen

Der siebte Tag nach dem Tod von Ayatollah Montazeri fiel mit den Ashura-Feierlichkeiten zusammen. 

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Teheran/Wien - Die Ashura-Feiern in Teheran wurden am Sonntag zum „Tag des Blutes" - so lautete eine Parole der Demonstranten -, und nicht wie sonst zum Tag der Trauer (siehe Artikel). An den offiziellen Trauerumzügen nahmen nur wenige teil, dennoch begannen die Menschen bereits am Sonntag am Morgen in großen Massen ins Zentrum von Teheran zu strömen, wie ein Augenzeuge dem Standard berichtet. Sicherheitskräfte drängten sie teilweise in Nebenstraßen ab.

Auch aus Isfahan, Shiraz und Najafabad - der Geburtsstadt von Ayatollah Montazeri, der vor einer Woche gestorben war - und anderen iranischen Städten wurden Demonstrationen gemeldet.

Aus dem Teheraner Zentrum stiegen Rauchsäulen zum Himmel, und Hubschrauber kreisten über die Stadt. In Teheran sollen mindestens vier Demonstranten von Sicherheitskräften getötet worden sein, die iranische Polizei dementiert dies jedoch.

"Sayed Ali ist am Ende"

Die Parolen der Protestierenden richten sich immer gezielter gegen den religiösen Führer, Ali Khamenei. „Sayed Ali ist am Ende" lautete ein Ruf der Demonstranten. Khamenei wurde auch mit dem Umayyadenherrscher Yazid verglichen, der als Mörder von Imam Hossein gilt, dessen am Sonntag gedacht wurde.

Augenzeuge M. berichtet aus Teheran, dass die Demonstranten am Sonntag einen völlig neuen Mut an den Tag legten, nicht wie sonst üblich wichen sie zurück, wenn sich ihnen die Staatsgewalt entgegenstellt, um sich woanders zu sammeln: An mehreren Kreuzungen gelang es ihnen demnach sogar, die Sicherheitskräfte auseinanderzutreiben. Diese wiederum zeigen neue Brutalität, wie Schüsse auf Demonstranten beweisen.

Allerdings wird im Internet davon berichtet, dass einige Polizisten sich geweigert hätten, den Befehlen ihrer Vorgesetzten nachzukommen. Trotz ihrer neuen Kühnheit betonen die Demonstranten jedoch weiter ihre Friedlichkeit. Die Wut auf die Sicherheitskräfte - im konkreten die Basiji-Milizen - wächst jedoch.

An den Demonstrationen, so der Augenzeuge, nehmen Menschen aller Schichten teil - auch viele Frauen mit Tschador und einfache Leute, die nicht der modernen Mittel- und Oberschicht Nordteherans angehören. Etwa 40 Prozent der Demonstranten sind Frauen. Bei gestörten Kommunikationswegen - wobei am Sonntag SMS und Handys teilweise funktionierten - sprechen sich die Menschen durch Mundpropaganda ab. „Wenn man zum Bäcker geht, erfährt man, wo die nächste Demonstration ist", sagt M. Der Eindruck herrscht vor, dass das iranische Regime eher nur mehr reagiert und die Planungshoheit verloren hat.

Versöhnung mit der Religion

Die Trauerfeierlichkeiten zum siebten Tag des liberalen Ayatollah Montazeri, die mit Ashura zusammenfielen, wurden offiziell abgesagt. Beobachter meinen, dass die Ereignisse rund um seinen Tod viele Religiöse von der Legitimität der Opposition überzeugt haben und andererseits Oppositionelle daran erinnern, dass es nicht gegen den Klerus geht. Montazeri - der 87-jährig starb - habe auch die Generationen miteinander versöhnt.
Der noch von Khomeini demontierte Großayatollah, der einst als dessen Nachfolger vorgesehen war, verkörpert für viele die friedliebende, tolerante Seite der Schia. Montazeris Reden, in dem er das jetzige System im Iran kritisiert, kursieren im Internet. Seitdem BBV Farsi und Voice of America sie gebracht haben, sind die beiden Sender gestört. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.12.2009)

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    Auch unter den Sicherheitskräften gab es am Sonntag in Teheran Verletzte: Demonstranten bringen einen Polizisten in Sicherheit, offenbar vor der Wut anderer Demonstranten.

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    Demonstration in Teheran.

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