Todesfall

Vic Chesnutt 1964-2009

26. Dezember 2009, 18:56
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    foto: standard/newald

    Vic Chesnutt mit Frau Tina 2005 in der Szene Wien. Der Musiker hat sich während der Weihnachtsfeiertage das Leben genommen

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Schwarzer Humor als Würze für die Zärtlichkeit: Der große kleine US-amerikanische Singer-Songwriter erlag am 25. Dezember den Folgen einer Überdosis Medikamente

Wien - "Dem Umstand, dass ich mir den Hals gebrochen habe, verdanke ich mein Leben." Das war der Schlüsselsatz in vielen frühen Interviews mit dem US-amerikanischen Songwriter Vic Chesnutt. Um seinem Gesprächspartner diesen Grenzgang zwischen Zynismus und im tiefsten Keller versteckten Optimismus zu erleichtern, lächelte der Mann im Rollstuhl und legte tröstlich nach: "Hey, ohne diesen Unfall wäre ich längst tot."

Der von Adoptiveltern großgezogene Chesnutt hatte 1983 einen schweren Autounfall, nach dem er teilweise gelähmt blieb. Der damals 18-Jährige hatte kaum Erinnerungen an den Crash, denn er war sturzbetrunken. Sein Leben davor beschrieb der am 12. November 1964 in Florida geborene Musiker als das eines ziellos herumtreibenden Heranwachsenden, der sich mit Drogen, Alkohol und Musik die Zeit vertrieb.

Mit dem Song Let's Take Some Drugs And Drive Around hat der Texaner Michael Hall dieses apathisch-desperate Lebensgefühl einmal exakt eingefangen. "Genau so ein Typ war ich", meinte Chesnutt, darauf angesprochen. "Wahrscheinlich wäre ich ohne Unfall an einer Überdosis krepiert." Am 25. Dezember ist Chesnutt nun gestorben - an einer selbst zugeführten Überdosis Medikamente. Er fiel in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwachte.

Begonnen hatte seine ungewöhnliche Karriere 1990, als Michael Stipe, der Sänger von R.E.M., in seiner Heimatstadt Athens auf den musizierenden Rollstuhlfahrer aufmerksam wurde und dessen erste Alben produzierte: Little und West Of Rome. 1993 veröffentlichte er die beste Arbeit seines Frühwerks, das Album Drunk.

Darauf entfaltete sich sein milder bis bissiger Zynismus in treibenden Rockstücken ebenso wie in Balladen wie When I Ran Off And Left Her, in denen sein zärtliches Idiom mit schwarzem Humor gewürzt wurde - ein Markenzeichen Chesnutts. Dieses pflegte er auch in dem Nebenprojekt Brute, mit dem er zwei Alben herausbrachte - man höre nur God Morning Mr. Hard On.

Tribute mit Madonna

Das Naheverhältnis zu Stipe bescherte dem großen kleinen Songwriter besondere Aufmerksamkeit, was zu zwei Alben für Major-Labels führte. Wichtiger war jedoch, dass Chesnutt so Teil eines Netzwerks wurde, von dem er nicht nur künstlerisch zehrte, sondern das ihm auch bei immer wieder auftauchenden Folgekrankheiten finanziell beistand.

Etwa mit dem 1996 erschienenen Tribute-Album Sweet Relief II: Gravity Of The Situation, auf dem Bands wie Garbage, Smashing Pumpkins, R.E.M. und sogar Madonna im Verein mit ihrem Schwager Joe Henry Chesnutts Songs interpretierten. Hierzulande tourte Chesnutt mit seiner ihn am Schlagzeug begleitenden Frau Tina sowie im Verein mit befreundeten Bands wie dem Reform-Country-Kollektiv Lambchop und mit Calexico.

2007 und 2008 begleitete Chesnutt das von der Viennale vergebene Auftragswerk Empires Of Tin des US-amerikanischen Filmemachers Jem Cohen im Wiener Gartenbau Kino live.

Bis zuletzt kämpfte der leidenschaftliche Atheist erfolglos gegen die ihn hart treffenden Auswirkungen des Krankenversicherungssystems in den USA, das ihm, obwohl versichert, erhebliche Schulden und mehrere Gerichtsverfahren beschert hatte. Auch hier erfuhr er Unterstützung von befreundeten Musikerinnen wie Kristin Hersh von den Throwing Muses oder Patti Smith.

Nun verstummte James Victor Chesnutt für immer. Er wurde 45 Jahre alt. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.12.2009)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 52
1 2
WilliamLee
00
Here you can listen to the last concert of Vic Chesnutt played at the Central Presbyterian Church on December 5, 2009

(and download it too):
http://www.archive.org/details/v... 483.flac16

rollinoverpannonia10
 
00
28.12.2009, 15:57
"Rest" beim "R.I.P." steht zwar für ...

... Ruhe, aber nicht für Stillstand oder Raumlosigkeit (weil mich ein Poster zuvor mit so einem Unsinn genervt hat).

Das ewige Leben ist Realität für jeden, der sich in Religionen und in Philosophie gut auskennt, materialistischer Atheistenkram von Leuten, die diese Einstellung in der Regel Denkfaulheit verdanken, mal ausgenommen. So etwas mit "Verdrängung" zu verbinden ist schlichtweg absurd.

Und wenn der gute Vic nun dort sein wird, wo die anderen von mir erwähnten Folkgrößen wohl auch sein dürften, dann ist doch alles o.k., oder?

per verser
10
28.12.2009, 13:58

in gewissem sinne war er der erste emo.

Manfred Bieder
00
27.12.2009, 17:01
thx

mr. chesnutt.

WilliamLee
00
27.12.2009, 14:50
DID $70,000 IN MEDICAL EXPENSES CONTRIBUTE TO VIC CHESNUTT'S SUICIDE?

“I’m not too eloquent talking about these things,” Chesnutt said. “I was making payments, but I can’t anymore and I really have no idea what I’m going to do. It seems absurd they can charge this much. When I think about all this, it gets me so furious. I could die tomorrow because of other operations I need that I can’t afford. I could die any day now, but I don’t want to pay them another nickel.”

http://www.thedailyswarm.com/headlines... s-suicide/

Herr Binner
00
27.12.2009, 14:31
ein herber Verlust

Für mich war Vic ein wichtiger musikalischer Einfluss und der Mann, der Songs geschrieben hat, die mich wirklich tief berührt haben. Ich werde ihn vermissen.

Ich bin unschuldig, aber nicht ganz.
20
27.12.2009, 13:46
ALSO bitte ...

Der Krankenhauskosen wegen ist er GANZ BESTIMMT nicht abgetreten!

Das kann angemerkt werden, aber es fast als Grund/Auslöser darzustellen erweist keinem Medium einen besonderen Verdienst.

per verser
00
28.12.2009, 13:51

ich wußte nicht, daß der hauptverband hier auch schon seine leute sitzen hat.

Stabilo13
00
28.12.2009, 11:58

woher wollen sie wissen dass das gar keine rolle gespielt hat?

WilliamLee
00
27.12.2009, 15:32
Songs Of Survival And Reflection: 'At The Cut'

In diesem Interview vom 1.12. 2009 kann man (gegen Ende des Textes) einiges über die finanzielle Situation, hervorgerufen durch die fehlende Krankenversicherung, von Vic Chesnutt lesen: http://www.npr.org/templates... =120978388

sdfad sdfaf
00
27.12.2009, 17:40

Die finanzielle Situation hat sicher auch eine Rolle gespielt, war vielleicht der Ausslöser, aber der wirkliche tiefliegende Grund war es wohl nicht. Er hatte schwere Depressionen und hatte vorher schon mehrere Male versucht sich umzubringen. Es war zu erwarten, dass er es irgendwann wirklich schafft, so schlimm das klingt. Mir stellt sich eher die Frage, ob er in einem anderen System vielleicht bessere psychologische Hilfe bekommen hätte...

py rx
20
27.12.2009, 12:35
rip

er war ein grosser & wird dem entsprechend heute abend im cafe jetzt, 1170, gehuldigt.

man of constant sorrow
714
27.12.2009, 12:02
Ripped euch selber

Jene Poster, die immer gleich zur Stelle sind um ihr beknacktes "R.I.P." hinzukritzeln, sobald jemand das Zeitliche gesegnet haben, mögen sich doch bitte selber mal "rippen". Danke.

per verser
03
28.12.2009, 13:54

das erinnert mich an ein posting, das vor jahren einer hier im standard getätigt hat. es ging darum, daß es ihn bei diversen hochzeiten in der familie ganz grauslich genervt hat, daß die ganzen alten tanten und großtanten immer zu ihm sagten. "und du bist der nächste."

als dann mal eine von denen in die grube fuhr, hatte er beim begräbnis seinen großen moment, als er sich zu den ganzen alten tanten und großtanten um drehte und sagte: "..."

angeblich haben die ihn ab diesem tag in ruhe gelassen ;o)

Kyuss88
00
28.12.2009, 19:13

großartige Geschichte :D
@topic: Ich kenne den Musiker leider nicht, sollt ich mir aber mal anhören, klingt zumindest interessant. Da sieht man mal wieder, wie es ums Krankensystem in Amerika bestellt ist, katastrophal!

per verser
00
29.12.2009, 10:09

naja, das sind zwei dinge.

den musiker halt ich schwer aus - depressiv und existenziell bedrpht bin ich selber, warum soll ich mir dann noch mehr von gleichen draufschaufeln?

das ist jetzt keine kritik an seiner musik, die ich aber unabhängig davon recht mäßig finde, eigentlich sogar schlecht und in den übelsten momenten auch elend. daran ändert auch sein schicksal nichts für mich.

und was das gesundheitswesen betrifft: ja, das ist übel. freuen wir uns, daß die schwarzen - und ich fürchte, leider auch zunehmend die rote bande - das auch bei uns einführen wollen. zumindest arbeiten alle in diese richtung.

minus maius
00
27.12.2009, 16:07

Jack the Ripper?

karl fluch
53
27.12.2009, 14:51

true that!

rollinoverpannonia10
 
00
27.12.2009, 11:26
R.I.P. ...

... wird sich im Himmel hoffentlich mit Townes Van Zandt zusammentun, Nick Drake, Woody Guthrie und eine Reihe anderer Großer (natürlich genauso Frauen: Odetta, Mary Travers etc.) nicht vergessen!

dr.agon
01
28.12.2009, 15:34
also was jetzt

wird er rasten oder sich mir irgendwelchen anderen (un)toten zusammentun?

immer wieder lustig, was sich menschen zusammenreimen, um die zugegebenermaßen sehr unerfreuliche endlichkeit unserer existenz zu verdrängen

WilliamLee
00
27.12.2009, 11:21
The way I see it: Vic Chesnutt

Does art make a difference?
At the very least it makes a huge difference to the artist. But rock'n'roll changed the world - so did hip-hop.

Should politics and art mix?
Politics and art are mixed. Art developed and exists as it does today because of political patronage. From cave paintings and Stone Age Venus figurines to classical architecture, Byzantine church mosaics, Renaissance masterpieces and the entire National Portrait Gallery . . . it's all political propaganda. Then there is art as populism: Guernica, Goya, Mark Twain, Bob Dylan's "Masters of War", M*A*S*H. In the beginning, rock'n'roll was by its very nature political, populist propaganda.

Read more at: http://www.newstatesman.com/music/200... tist-money

*esofan*
00
27.12.2009, 09:10

wieder ein heiliger weniger

Siegfried - Drachentöter des Kapitalismus
00
27.12.2009, 06:30
Menschen, seht was für einen starken Menschen das "US-Gesundheitssystem" gebrochen hat!

Vic, you'll be missed.

moshe dayan
01
26.12.2009, 23:58
r.i.p.

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