"Sie könnte öfter spielen"

24. Dezember 2009, 09:49
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Digitale Unterhaltung prägt auch die Festzeit und birgt Konfliktpotenzial - Das ist aber nicht die Regel

Das Verhältnis von Familienleben und Videospielen hat schon viele Klischees produziert. Jenes von der asozialen Kraft der Spiele, die Jugendliche in einer virtuellen Welt verschwinden lässt. Jenes vom Videospiel als elterliches Instrument, um lärmende Kinder zu beschäftigen. Oder jenes der Spielkonsole als Dauerkonfliktstoff, die Schreiduelle zwischen Eltern und Kindern auslöst. An der Festtagen stoßen Familientreffen und neuer Spielstoff vom Christkind aufeinander. Wie sieht die Entscheidung aus? Familienspaziergang oder Spielkonsole?

Klischee und Wirklichkeit

Die Realität scheint viel besser zu funktionieren als die Klischees vermuten lassen. Johanna (10) aus Scheibbs in Niederösterreich gibt, gefragt nach ihren Ferien-Beschäftigungen, ganz unvermutete Auskunft: "Viel singen. Singen und Tanzen. Und lernen." Die ganzen Ferien? "Und Nintendo spielen." Gibt's deswegen Streit mit den Eltern? "Nein, gar nicht." Mama Edith Punz bestätigt: "Sie darf nicht viel spielen. Wenn sie es tut, sollte sie vorher fragen." Sie sei auch leicht wieder von ihrer tragbaren Konsole wegzubringen. "Ich würde es sogar öfter erlauben, als sie spielt." Sie spielt also gar nicht so oft wie sie sollte? "Sie könnte öfter spielen."

Familienevent

Die Nintendo Wii wird bei Familie Punz auch an den Festtagen wieder ausgepackt. Eltern und vier Töchter matchen sich in Sportspielen, es gibt sogar Familienrankings. Mama findet es toll, weil sich die Kinder bewegen, Yoga machen. Johanna erzählt begeistert, wie Papa beim Wohnzimmer-Golf hingefallen ist. Spielen ist für Johanna auch am Weihnachtsabend nicht tabu: "Es stört mich nicht, wenn sie es gleich ausprobiert. Ich schenke ja Sachen, die ihr Freude machen sollen." Ihr das Spielen gerade dann vorzuenthalten, wäre doch "Horror". Dass sie ein Spiel zu Weihnachten bekommt, war "eigentlich der Mama ihre Idee", sagt Johanna.

Gemeinsam

Anders beim zwölfjährigen Patrick im vorarlbergischen Dorf Gurtis: "Spiele am Weihnachtsabend sind tabu", sagt Papa Alexander Lutz. Dass Patrick unter der Woche spielt, ist kaum zu vermeiden. Heuer bekommt Patrick vom Christkind keinen Nachschub für die PS3: "Wir schenken bewusst Brettspiele, damit wir die Zeit ohne Konsole nutzen können", sagt der Papa, der sich sonst auch gerne gemeinsam mit dem Sohn an die PS3 setzt. "Ich weiß, dass ich kein Spiel bekomme", sagt auch Patrick und beweist, dass die Kommunikation in der Familie funktioniert. Und er verweist darauf, dass er wieder zum Schachspielen angefangen hat und begeisterter Snowboarder ist. Letzter Versuch: Was ist, wenn die Erwachsenen sehr lange essen: "Dann geh' ich eher Computerspielen."

Kirchlicher Ratschlag

Wer sich noch nicht so bewusst um den digitalen Umgang der Kids kümmert, sollte vielleicht auf die evangelische Kirche in Deutschland hören. Gemeinsam ausprobieren, empfiehlt sie in einer Aussendung. Ihr Ratschlag zeigt deren Distanz zum Thema, ist aber gut gemeint: "Sie werden ganz neue Zugänge zu Ihren Kindern oder Enkeln finden." Die Mutter des 14-jährigen "Grand Theft Auto"-Spielers, die vor kurzem in Boston die Polizei holte, weil ihr Sohn spät in der Nacht noch spielte, hat das wohl verabsäumt.

(Alois Pumhösel, DER STANDARD/Printausgabe, 24.12.2009)

  • Vom Familien-spaziergang zum Videospiel im Familien-kreis. Auch die Weihnachtsrituale verändern sich.
    foto: istock photo

    Vom Familien-spaziergang zum Videospiel im Familien-kreis. Auch die Weihnachtsrituale verändern sich.

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