Flüchtlingshilfe: "Wir brauchen diese Kinder"

23. Dezember 2009, 19:50
45 Postings

Im Montafon leben 100 Asylwerber - Doch 38 davon sind von der Abschiebung bedroht - Nun kämpfen die Schrunser für die neuen Nachbarn

Schruns - Medinas blaue Augen blitzen, wenn sie lacht. Und das tut sie oft, von einem Ohr zum anderen. Dann zeigt sie vier Zähnchen, zwei oben, zwei unten. Das Mädchen ist ein Jahr alt, fröhlich und noch voll Vertrauen. Mit ihrer großen Schwester Valentina sitzt sie auf dem Boden in der alten Montafoner Stube, spielt mit Duplosteinen. Medinas kleine Welt ist noch in Ordnung.

Irgendwann werden die Eltern Medina erzählen, dass sie der Anlass zur Gründung einer Initiative war. 2008, zu Weihnachten. "Als wir mit 30, 40 Flüchtlingskindern Weihnachten gefeiert haben und Medina kurz davor, keine drei Wochen alt, den Abschiebungsbescheid bekommen hat", erinnert sich Franz Rüdisser, "das war für uns alle ein Schock." Was für die Behörde eine Routinesache war, löste unter den Schrunser Asylwerbern und ihren Nachbarn Entsetzen aus. "Jede Familie aus unserer Gruppe hat eine oder zwei Flüchtlingsfamilien betreut", erzählt Elisabeth Trippolt, "durch die drohende Abschiebung des Babys ist uns klar geworden, dass das nicht reicht."

Als 2004 die Caritas in Schruns ein Flüchtlingshaus einrichtete, setzten engagierte Bürgerinnen und Bürger dem Überfremdungs-geschrei an Stammtischen leise Beharrlichkeit entgegen. Mit Deutschkursen, Kulturarbeit und Nachbarschaftsprojekten.

"Mit mir kasch Muntafuunerisch räda", sagt Valentina (7) in schönstem Montafonerisch. Wie sie sind 50 Kinder in Schulen, Kindergärten und Vereinen integriert. Lehrende sehen die multinationalen Klassen nicht als Belastung, sondern als Herausforderung. "Ein Mädchen aus der Mongolei ist sogar Klassenbeste in der Mittelschule", merkt Franz Rüdisser, pensionierter Schuldirektor, stolz an.

Strafverfügungen

Allen Integrationsbemühungen zum Trotz droht 38 Menschen, die Hälfte davon sind Kinder, die Abschiebung. "Wir brauchen diese Kinder", ruft die Schrunser Initiative, an der sich alle Verantwortungsträger der Gemeinde beteiligen, über Internet auf. "Wir wollen die Politiker nicht vor den Kopf stoßen", sagt Helene Rüdisser, "wir möchten aber, dass sie den Menschen aus der Unsicherheit helfen. Die Leute sollen bleiben können. Versprochen und endgültig."

Wenn sie sich etwas wünschen dürfte vom Christkind oder vom Weihnachtsmann, sagt Frau Ibrahimova, dann wäre es das Bleiberecht. Quasi zur Erinnerung, dass sie hier nur geduldet ist, schickte die Bezirkshauptmannschaft ihr und 20 weiteren Schrunsern Strafverfügungen wegen unbefugten Aufenthalts. 100 bis 365 Euro müssen sie bezahlen. Einkommen haben sie keines. Die Initiative half bei den Einsprüchen. Auf die lange Aufenthaltsdauer, die Unbescholtenheit, die Kinder und die Menschenrechte wird verwiesen.

Die Angst, dass eines Nachts die Polizei klingelt, ist groß. "Dass ich so etwas in Österreich noch einmal erleben muss", schüttelt Eleonore Schönborn, die Älteste der Initiative, traurig den Kopf. "Ich hab die Nazizeit erlebt, ich weiß, wie es ist, wenn man Angst haben muss, wer vor der Tür steht." Flüchtlingsfamilien zu unterstützen ist für die Mutter von Christoph Kardinal Schönborn selbstverständlich: "Wir sind ja selbst als Flüchtlinge hierhergekommen." (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 24./25./26./27.12.2009)

der Standard Webtipp:

www.wir-brauchen-diese-kinder.at

  • Medina und Valentina, zwei Schrunserinnen mit serbisch-albanischen
Wurzeln. Ob sie bleiben dürfen, ist ungewiss. "Wir brauchen diese
Kinder", appellieren engagierte Menschen an die Politik.
    foto: dietmar stiplovsek

    Medina und Valentina, zwei Schrunserinnen mit serbisch-albanischen Wurzeln. Ob sie bleiben dürfen, ist ungewiss. "Wir brauchen diese Kinder", appellieren engagierte Menschen an die Politik.

Share if you care.