"Keine Diktatur des Geschmacks!"

23. Dezember 2009, 18:29
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Bei Wagner sei die Staatsoper bereits Weltmeister, sagt Dominique Meyer, der künftige Direktor. Bei Strauss und Mozart soll sie es werden: "Das ist mein Ziel"

Mit Dominique Meyer sprachen Ljubisa Tosic und Thomas Trenkler.

Meyer: Kaffee? Ich habe jetzt auch eine Kaffeemaschine im Büro.

Standard: Danke, gerne.

Meyer: Kurz oder lang? Kaffee, Zahnbürste und Rasiermesser: Das sind Dinge, die ich wirklich brauche. Kaffee macht mich nicht nervös. Ich kann ihn vor dem Schlafengehen trinken. Möchten Sie Zucker? Milch habe ich leider keine.

Standard: Sie haben Ihr Büro im Hanuschhof. Wollte Ioan Holender Sie nicht in der Staatsoper haben?

Meyer: Das ist nicht der Grund. Drüben gibt es fast keinen Platz. Ich wurde sehr gut empfangen. Besonders von Holender. Ich habe gleich am ersten Tag die Schlüssel der Staatsoper bekommen. Und einen Dienstausweis.

Standard: Wie ist Ihr Verhältnis zu Holender derzeit?

Meyer: Ganz freundlich. Er rief mich einst an und sagte: "Wir kennen uns nicht. Aber: Möchten Sie nicht an die Volksoper kommen? Die Regierung sucht jemanden." Und wenn ich eine Vorstellung in der Staatsoper besuchen wollte, hat er mir immer seinen Chauffeur zum Flughafen geschickt.

Standard: Gleichzeitig kritisiert er, dass Sie an der Staatsoper Barockoper machen wollen.

Meyer: Er ist in einer Zeit groß geworden, als die Barockoper noch nicht wiederentdeckt war. Er kann das nicht verstehen. Ich sage ja nicht, dass ich täglich Barockoper spielen werde. Ich denke an fünf oder sechs Vorstellungen pro Jahr.

Standard: Mit welchem Orchester?

Meyer: Das haben wir mit dem Staatsopernorchester diskutiert. Aufgrund der Dienstpläne kann es das nicht selbst machen. Ich habe daher gebeten, mir zu erlauben, Barockoper mit einem Gastorchester zu spielen, wenn die Philharmoniker auf Tournee sind. Und sie haben zugestimmt. Barockopern werden fast immer koproduziert. Wenn wir also nur ein Drittel der Ausstattungskosten zahlen müssen, können wir uns das Orchester leisten. Das bedeutet eine Premiere mehr, ohne dass die Probendienste belastet werden.

Standard: Die Philharmoniker hatten wirklich nichts dagegen?

Meyer: Ich weiß: Man versucht uns zu entzweien. Aber ich schätze unsere Beziehung. Sie sind oft bei mir in Paris aufgetreten.

Standard: Ohne deren Wohlwollen wären Sie Direktor geworden?

Meyer: Wahrscheinlich nicht.

Standard: Holender wollte einen neuen Vertrag mit dem Orchester ausverhandeln. Aber es kam zu keinem Ergebnis. Wie geht es weiter?

Meyer: Die jüngsten Verhandlungen waren sehr positiv. Ich denke, dass wir in den nächsten Monaten zu einer Lösung kommen. Ich weiß, dass das Orchester bereit ist, uns mehr Proben zuzugestehen. Es ist nicht skandalös, wenn es dafür mehr Geld will. Das Orchester ist nicht überbezahlt. Die großen Dirigenten - da können Sie tun, was Sie wollen - kriegen immer Proben.

Aber vielleicht ist es noch wichtiger für neue Dirigenten, die zum ersten Mal in den Graben kommen, Proben zu bekommen, selbst wenn sie schon Erfahrung mit einem Stück haben. Wenn Sie zum ersten Mal hier in den Graben kommen, ist das, als würden Sie in ein Schwimmbecken ohne Wasser springen. Da können Sie nur schauen, dass die Züge rechtzeitig ankommen und rechtzeitig weggehen, aber ob man so noch Musik machen kann?

Standard: Holender, ein richtiger Sparmeister, kommt mit dem Budget fast nicht durch. Müssen Sie nicht ein Defizit befürchten?

Meyer: Ich hinterfrage alles. Und sehe, dass die Staatsoper nur zwei Millionen Euro mehr bekommt als das Burgtheater. Die Staatsoper ist mit 51 Millionen Euro Basisabgeltung untersubventioniert. Die Pariser Oper kriegt 110 Millionen. Ich sage jetzt nicht, dass die Staatsoper so viel Geld bekommen soll. Aber es muss mehr Geld geben.

Standard: Holender schaffte eine Auslastung von rund 97 Prozent. Ist dieser hohe Wert eine Belastung?

Meyer: Das ist ein Fakt, eine hochkarätige Leistung. Es wird sicher schwierig, dieses Niveau zu halten.

Standard: Was ist Ihr Konzept, um das Niveau zu halten?

Meyer: Bei Wagner sind wir bereits Weltmeister. Wir sollten das auch bei Mozart und bei Strauss sein - das ist mein Ziel. Wir haben z. B. mit Franz Welser-Möst überlegt, welche Inszenierungen wir belassen und welche wir renovieren, darunter den Rosenkavalier.

Standard: Die alte Schenk-Inszenierung wird nur aufgefrischt?

Meyer: Otto Schenk wird es machen und ist begeistert. Wir werden auch Dekorationen renovieren, sodass die Produktion wieder besser aussieht. Umgekehrt: Ich sehe wirklich nicht, warum ich eine neue Bohème machen soll. Es ist ja immer die gleiche Geschichte. Auch Tosca bleibt. Die Inszenierung ist eine Legende. Warum soll ich eine Legende töten? Es gibt wichtigere Dinge zu tun. Es ist unsere Pflicht, den Mozart-Zyklus zu renovieren. Ich hoffe, dass wir in meinen fünf Jahren fünf Produktionen herausbringen, Zauberflöte und auch Titus. Natürlich möchte ich aber vor allem Così, Giovanni und Figaro neu herausbringen. Und ich möchte, dass wir die drei Stücke hintereinander spielen können - das wird von Gastspielveranstaltern sehr gefragt. Franz Welser-Möst wird die drei Da-Ponte-Opern machen.

Standard: Holender war bei Regisseuren letztlich ein bisschen mutlos. Werden Sie da zeitgenössischer sein? Kommt ein Stefan Herheim?

Meyer: Holender hat doch Regietheaterregisseure wie Mielitz, Konwitschny verpflichtet! Prinzipiell: Die Staatsoper ist kein Festival und kein Stagione-Theater, wo man einfach etwas ausprobieren kann. Wenn wir eine Zauberflöte machen, dann wird sie zumindest 15 Jahre im Repertoire sein. Da muss man ein bisschen sein Ego vergessen. Ich möchte viele verschiedene Dinge machen, ich will, dass die Leute, die hier Steuer zahlen, etwas davon haben. Ich will nicht nur eine Sorte von Regisseuren einladen, ich will keine Diktatur des Geschmacks. Und was die Leute dann irgendwo in der Welt schreiben, ist mir total egal.

Standard: Man hört, dass Dirigent Lorin Maazel kommt.

Meyer: Ja, ich denke. Auch Christian Thielemann kommt, Simon Rattle hoffentlich auch. Riccardo Muti wird dirigieren, Esa-Pekka Salonen, Marc Minkowski und Bertrand de Billy. Von den Jungen ist mir Andris Nelsons wichtig.

Standard: Nikolaus Harnoncourt?

Meyer: Ich habe keinen Kontakt, aber ich würde ihn gerne treffen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26./27.12.2009)

 

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    Dominique Meyer hält die Staatsoper im Vergleich zur Pariser Oper für unterdotiert: "Es muss mehr Geld geben."

    Zur Person:
    Dominique Meyer, 1955 im Elsass geboren, leitet seit 1999 das Théâtre des Champs-Élysées in Paris. 2007 wurde er zum Staatsoperndirektor ab September 2010 berufen.

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