Wie Weihnachten gerettet wurde

23. Dezember 2009, 18:19
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Gewidmet allen Erdenbürgern, die an das Christkind, die Bankenaufsicht und die völkerverbindende Kraft der Weihnachtsbäckerei glauben - Von Daniel Stroux

Fast eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt. Gewidmet allen Erdenbürgern, die an das Christkind, die Bankenaufsicht und die völkerverbindende Kraft der Weihnachtsbäckerei glauben. Esset und leset! 

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Es klopfte an der Tür. - Das war etwas ungewöhnlich, denn zu so später Stunde verirrte sich sonst kaum ein Gast an diese entlegene Adresse (Polkappe 2412). Der Weihnachtsmann öffnete das Tor zur Werkstatt. Vor ihm standen vier Nadelstreif-Polaranzüge mit Armani-Schneebrillen.

"Herr Diplomingenieur (FH) Weihnachtsmann senior?" fragte einer. - "Ja, der bin ich", sagte der Weihnachtsmann. - "Joe, du nimmst Schlitten und Rentiere, Stevie kümmert sich um die Einrichtung, Pete, dreh den Strom ab! Und setzt die roten Mützen auf, es ist schließlich bald Weihnachten!"

Der Weihnachtsmann kannte sich überhaupt nicht aus. "Was soll denn das?" Sie erklärten es ihm.

Offenbar war seine Investition in auf den Cayman-Inseln versteuerte Turbo-Zertifikatsoptionen auf bolivianische Reisfeldhypotheken und der Saleback-and-lease-forward-Swap-Absolute-Return-Kredit, mit dem er den Spielzeughallen-Neubau finanziert hatte, doch keine "1000%-ig sichere Veranlagung", wie sein AWD-Berater versprochen hatte. Der aktuelle Wert seiner Börsenpapiere entspräche, so versicherten die Besucher glaubhaft, in etwa dem des gelben Schnees im Rentier-Gehege.

Na toll.

364 Tage hatte er nur Zeit zu schlafen, 364 lächerliche Tage bevor er wieder eine ganze Nacht durcharbeiten muss, und dann wird er mitten in seiner kargen Erholungsphase von den bösen Zwergen der Finanzkrise geweckt. Für einen Moment überlegte sich der Weihnachtsmann, sich einfach wieder ins Bett zu legen, die Decke über den Bart zu ziehen und zu den 100 besten Versionen von Jingle Bells sanft zu entschlummern. Aber das würde wahrscheinlich nicht klappen. Nein. Dafür war zu viel passiert in letzter Zeit.

Da waren zum einen die Verhandlungen mit dem Präsidenten der Elfengewerkschaft gewesen. "14% mehr Lohn, sonst kriegt heuer niemand Geschenke!" war die ganz und gar unbesinnliche Forderung der kleinen Elfen. Der Weihnachtsmann hatte sich seine Mütze über die Ohren gezogen und laut eine abgewandelte, leicht ins Ordinäre lappende Radikalversion von "Morgen Kinder, wird's was geben" gesungen. Daraufhin hatten sie ihn als sexistischen, Autokraten beschimpft, den sie bei der Arbeiterkammer, dem Gleichberechtigungsbeauftragten und Vera Russwurm anschwärzen würden.

Eine Katastrophe. Noch dazu, wo das Christkind vor gut einem Jahr wegrationalisiert worden war. Zwei Geschenkbringer waren laut den Beratern von McKinsey "unternehmens-strukturell suboptimal und würden zu kognitiven Dissonanzen bei der Zielgruppe führen". Da es beim Weihnachtsmann mit Schlitten, Rentieren, rotem Weihnachtsgewand etc. wesentlich mehr Merchandising-Möglichkeiten gebe, wie seine jahrelange Zusammenarbeit mit Coca Cola beweise, das Christkind dagegen nur ein exhibitionistisches Nackerpatzerl sei, war die Entscheidung "oben" unschwer durchzubringen. Jetzt musste der Weihnachtsmann alles alleine machen.

Er hatte sich entschlossen, seine Schwierigkeiten offensiv zu bekämpfen, und eine Werbeagentur mit einer strategischen Neupositionierung und einer neuen kreativen Umsetzung seines Aufgabenbereiches beauftragt. Der Creative Director reiste ziemlich schnell wieder ab vom Nordpol, da er, Zitat: "Unter gutem Schnee was anderes versteht", schickte aber nach zwei Monaten per E-Mail die versprochene Lösung der Werbeagentur: Erstens empfahl sie einen visuellen Relaunch - statt rot sollte das Weihnachtsgewand in Zukunft gelb-rosa gestreift sein, den Modefarben dieses Winters entsprechend. Außerdem sollte der Weihnachtsmann vom Schlitten mit Methan-furzenden Rentieren auf ein Hybridschneemobil umsteigen, statt der genderlosen Weihnachtselfen Gogo-Girls als Hilfskräfte engagieren, das Spielzeug aber unter der Hand von Kindern in Bangladesh herstellen lassen. Aus Kostengründen. Nicht zuletzt empfahlen sie eine Ganzkörper-Epilierung und ein neues Weihnachtslied, featuring Metallica. - Das konnte nicht gutgehen.

Nach gut zwei Stunden hatten die Schuldeneintreiber alles eingepackt und waren davon gezogen, um den Osterhasen bei Saturn zu pfänden. Die Elfen hatten sich schon vorher mit dem Hinweis, dass sie ihn nach Weihnachten verklagen würden und einem herzlichen "HoHoHo!" verabschiedet. Traurig warf der Weihnachtsmann einen letzten Blick auf die dunkle, leere Werkstatt. Er warf das Tor zu und ging.- Das war's dann wohl.

Aber vielleicht hatte das ganze auch sein Gutes? Vielleicht würden sich die Menschen nun wieder daran erinnern, worum es bei Weihnachten wirklich geht, was seine wahre Bedeutung ausmacht.

Denkt doch nur: die Streitereien mit der Familie, verbranntes Essen im Herd, Mamas Schreikrämpfe, Papas alkoholisierter Gleichmut, Omas Erzählungen von "damals", als alles besser war, die ungenießbaren Weihnachtskekse, die man aus Höflichkeit essen muss, weil die Großtante - "Bäckerin aus Leidenschaft"- sonst beleidigt ist, der Pferdeflüsterer im Hauptabendprogramm, nervtötende Beschallung überall, Massenpanik in den Einkaufsstraßen, der Super-Weihnachts-Special-Musikantenstadl aus Dubai - und dieser unglaubliche innere Frieden ...

Wenn alles vorbei ist. (Daniel Stroux, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26./27.12.2009)

 

 

 

Zur Person

Daniel Stroux ist Werbetexter (bei einer anderen Agentur).

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    Von der Elfengewerkschaft ausge-nommen, von Anlage-und Image-Beratern in den Ruin getrieben: Das war's dann wohl, dachte der Weihnachts-mann. Andererseits: Ist nicht jede Krise immer auch eine Chance?

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