Backanleitung für einen Wissenschaftsminister

23. Dezember 2009, 18:22
9 Postings

Wie bäckt man den besten Wissenschaftsminister? Rechtzeitig zu Weihnachten präsentiert DER STANDARD eine kleine Rezeptsammlung

Man nehme eine Frau

In der WG-Küche der Österreichischen Hochschülerschaft ist die Hauptzutat für das Vorhaben "Wir backen uns einen Wissenschaftsminister" klar: "Auf jeden Fall eine Frau" , sagt die Chefköchin mit der grünen Schürze, Sigrid Maurer (Gras). Das sei ein Lebensmittel, das "viel zu wenig zum Einsatz kommt" . Was dem ÖH-Vorsitzteam noch besonders wichtig ist, ist Frische. Die neue Ministerin soll "möglichst jung sein, damit sie den Studierenden nahe ist" . Fixer Bestandteil jeder hochschülerschaftlichen Mahlzeit ist eine prächtige Portion "Partizipation" - die muss auch hier unbedingt hinein. Was ihre Kochaktivitäten anlangt, sind die Studierenden flexibel - kochen kann man überall, wenn's sein muss: auf der Straße, in Hörsälen. Das sollte auch die neue Ministerin verstehen, wenn sie Demos und Besetzungen zu verdauen hat. Umgekehrt wird sie ohne "Leidenschaft für Bildung und ihr Ressort" den Studierenden mit Sicherheit schwer im Magen liegen.

Kalorien bitte, viele Kalorien

Wäre Hans Sünkel nicht Rektor der TU Graz, sondern Chef de Cuisine und müsste das Haus am Minoritenplatz beliefern, dann würde er sicher keine kalorienarme Kreation erfinden. Der Präsident der Universitätenkonferenz will "bitte keinen Leichtgewichtler" . Die Rektoren gelüstet es nach schwerer, exquisiter Kost: "Eine Person der Extraklasse, nicht zu jung und unerfahren, nicht zu alt und abgebrüht." Damit das Rezept funktioniert, sei "profunde Kenntnis der Wissenschaftsszene im Allgemeinen und der Uniszene im Besonderen absolut unverzichtbar" . Schön wäre es auch, wenn die gesuchte Mixtur so gut munden würde, dass sie auch international begehrt wäre. Eine oft verwendete Ingredienz, die der Uni-Chef durchaus für entbehrlich hält, ist "Politikerfahrung" . Dieser Geschmack sei für das Ministerbackwerk "nicht zwingend" , die Beifügung von "Parteizugehörigkeit" in so einer schwierigen Situation wie jetzt vielleicht sogar "von Nachteil" . 

Ein bisschen Chili schadet nie

Kochpraxis haben sie ja, die "Audimaxisten" , die auch im C1-Hörsaal nach ihrer Ausquartierung aus dem Audimax ihre "Volxküche" wieder in Betrieb nehmen wollen. Ganz oben auf ihrer Backanleitung für eine/n neue/n Wissenschaftsminister/in steht "Beobachtungsgabe" , und zwar viel, "um die Zeichen der Zeit zu erkennen für partizipative, dezentrale Unis, wo sich Bildung und Ausbildung die Waage halten und es genügend finanzielle Mittel gibt" . Man nehme weiters "eine Handvoll Kommunikationsfähigkeit" , mit dem Effekt, dass sie "politische Visionen vermittelt" . Dann hebe man "Offenheit" unter und füge "einen Schuss Demut und Kritikfähigkeit" hinzu, für den Fall, dass einmal ein Lapsus passiert, "denn man soll auch zu Fehlern stehen können" - nicht nur, wenn aus dem Backrohr Qualm kommt. Zuguterletzt noch eine "Chilischote als Symbol für Feuer" rein - und fertig ist die Wunschperson, "die mit Begeisterung für Bildung und Studierende eintritt" .

Unbedingt im Jänner servieren

Basis für die Ministervariation nach Grazer Art ist "eine gute Portion Hausverstand" . Die "BefreierInnen der Uni Graz" warnen aber, dass diese bei Lagerung "in der Nähe von politischen Akademien oder Unternehmensberatungen meist bereits verdorben ist" . Durchkneten, ein kräftiger Schuss Verantwortungsbewusstsein, mindestens sechs Semester "bakken" , auf Masterstufe wechseln, probieren! "Schmeckt es bitter nach Parteisoldat oder Elitenbildung, war die Arbeit umsonst - nach Brüssel oder an die Parteizentrale schicken." Ansonsten etwas Witz drauf und "unbedingt noch im Jänner servieren!"

"unibrennt Salzburg" empfiehlt für ihre "Minister-Nervenkeks" (weder Vielfalt und Tiefe des Geschmacks noch besondere Haltbarkeit von Nöten) - "zwischen 0,1 Gramm und 4 Kilogramm Exzellenz, zwei Eidotter für Schutzschleim, und wer sich's leisten kann: 30 Semester Studium." Aber "aufpassen - nicht die ganze Exzellenz auf den Boden umverteilen!"

Auf gar keinen Fall Brösel

Das Rezept des Ex-Wissenschaftsministers in spe für seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin liest sich ganz einfach, aber das sind oft genau jene Rezepte, die dann nicht gelingen wollen. Die Zutatenliste ist kurz, keine Sperenzchen, keine ausgefallenen Dinge, alles sollte aufzutreiben sein. Allerdings fehlen die exakten Mengenangaben, was bei wenig geübten Köchinnen oder Köchen schnell für backtechnische Fehlversuche sorgen kann. Johannes Hahn, der im Moment mehr mit packen denn mit backen beschäftigt ist, liefert ein Fingerspitzengefühlrezept. "Sie oder er muss Hirnschmalz mitbringen, Nüsse knacken können, die Kirschen gerecht verteilen, Bröseln vermeiden und sie oder er darf nicht aus Zucker sein! Und wie so oft im Leben gilt: Auf die richtige Mischung kommt es an!" - sagt einer, der es wissen muss, wurde er doch als idealer Österreich-Gang für das neue Brüsseler Kommissars-Menü auserkoren.

Der Chefkoch tüftelt noch

Derjenige, der den neuen Wissenschaftsminister tatsächlich backen darf und muss, ist noch am Herumtüfteln. Mal setzt ÖVP-Chefkoch Josef Pröll auf die Grundnote "Frau" , dann wieder auf "Mann" . Einmal will er als dominierende Geschmacksnote Fachkompetenz, dann lieber doch den Geruch der Politikerfahrung. Eine Prise Jugendlichkeit lässt sich immer gut verkaufen, kommen dabei aber auch kleine Kinder als Zutaten vor, dann fällt so manches Minister-Rezept schnell als unrealisierbar zusammen. Nicht unwichtig, wenn der ÖVP- Küchenchef ein neues Gericht anrührt, ist der vertraute Geschmack gemeinsamer Erinnerungen - bei einem Einkauf in der Industriellenvereinigung oder in ÖVP-Ministerbüros zu haben. Ein nicht zu unterschätzendes Problem des Chefs der schwarzen Küchenbrigade ist, dass er viele Mitköche hat, die ihre eigene Note hineinmischen wollen: eine Messerspitze Steirisches oder einen Esslöffel ÖAAB. Aber am Ende gilt doch: Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 24. Dezember 2009)

  • Artikelbild
    foto: der standard/monkey business - fotolia
Share if you care.