"Der Fußballgott ist etwas launischer"

23. Dezember 2009, 18:34
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Corny Littmann, Theaterbesitzer und Präsident des Kultklubs FC St. Pauli, über die Kiez-Romantik, schwule Fußballer, Inszenierungen und über die Unfähigkeit, den Videorecorder zu bedienen

Standard: Passend zu Weihnachten: Im Stadion am Millerntor, das auf dem Hamburger Heiligengeistfeld steht, haben Sie eine Kapelle errichten lassen. Gibt es einen Fußballgott? Falls ja, ist er gerecht?

Littmann: Natürlich gibt es einen Fußballgott. Er ist nur manchmal gerecht. Mitunter ist er sehr ungerecht. Vor allem dann, wenn ein Spiel länger als 90 Minuten dauert.

Standard: Unterscheidet er sich vom anderen, vom richtigen Gott?

Littmann: Der Fußballgott ist etwas launischer.

Standard: Sie sind in St. Pauli Theaterdirektor und Fußballpräsident. Wie passt das zusammen? In beiden Fällen geht es um Inszenierungen, oder?

Littmann: Beides sind Live-Ereignisse, die davon leben, dass Menschen sie sehen wollen. Es ist ein erstaunliches Phänomen, dass wir immer mehr Fernsehübertragen haben und die Leute trotzdem im stärkeren Maße in die Stadien strömen. Obwohl sie dort keine Zeitlupe haben. Offensichtlich existiert das Bedürfnis, dabei zu sein. Für das Theater trifft das selbe zu.

Standard: St. Pauli ist sehr klischeebehaftet. Freudenhaus der Liga, Kiezklub, Tollhaus et cetera. Wie identisch ist der Verein tatsächlich? Wie schafft man den Spagat zwischen Kommerz und Tradition?

Littmann: Es ist eine ständige Aufgabe, das Authentische des Vereins zu bewahren und sich trotzdem im Fußballprofigeschäft zu behaupten. Das macht Spaß, das ist reizvoll. Wir sind ein diskussionsfreudiger, lebendiger Verein. Es gelingt uns immer wieder, einen Konsens zu finden, damit man diesen schwierigen Spagat hinbekommt.

Standard: Sind Sie ein Romantiker?

Littmann: Bei einem Fußballspiel bin ich sehr unromantisch, da bin ich Pragmatiker. Aber ich habe romantische Seiten.

Standard: Die Kiez-Romantik ist, verzeihen Sie den moralischen Anfall, eher menschenverachtend. Frauen bieten sich auf der Reeperbahn mittlerweile um 16 Euro an.

Littmann: Ich kann Ihnen versichern, dabei handelt es sich nur um den Anfangspreis, der steigert sich noch gewaltig.

Standard: Verkörpert St. Pauli das Leben? Einmal oben, einmal unten, wieder rauf und runter. Wäre ein dauerhafter Erfolg des Vereins sogar kontraproduktiv?

Littmann: Wir sind immer wieder erfolgreich gewesen, haben mehrmals ganz oben mitgespielt, das hat dem Verein nicht wehgetan. Im Gegenteil, es hat uns ganz gutgetan. Diese Unkenrufe, dass wir auf einmal für andere Schichten interessant sind, entpuppen sich immer als Luftblasen. Der Kern, das betrifft den Stadtteil wie den Verein, ist zu kraftvoll, zu gesund und zu kreativ, um von Außeneinflüssen zerstört zu werden. Stadtteil und Verein sind aber in Bewegung, das sind keine statischen Gebilde. Unser Stadion ist bald ein Neubau, der trotzdem pauli-typisch ist.

Standard: Sie haben mit Schauspielern und Kickern zu tun. Welche Berufsgruppe ist kapriziöser?

Littmann: Interessanterweise gibt es schwierige Fußballer genauso wie schwierige Schauspieler. Vielleicht habe ich deshalb für die Empfindlichkeiten der Kicker Verständnis. Das divenhafte Auftreten ist hier wie dort ausgeprägt.

Standard: Sie sind eine Ikone der Schwulenbewegung, wurden 2003 Chef eines Fußballklubs. Der Umgang des Sports mit Homosexualität ist ja nicht gerade locker. War da Ihrerseits Berechnung dabei?

Littmann: Es war ein Zufall. Ich bin Präsident geworden, weil ich seit frühester Jugend leidenschaftlicher Fußballfan bin. Lange bevor ich mir über meine sexuelle Neigung im Klaren war, bin ich auf der Stehplatztribüne gewesen und wusste, wie ein Spiel funktioniert. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das Amt war nicht meiner Neigung geschuldet, sondern meiner Leidenschaft.

Standard: Aber automatisch nehmen Sie eine Vorreiterrolle ein. Deutschland hat einen schwulen Außenminister, Berlin einen schwulen Bürgermeister. Wäre es denkbar, dass Bayern München eine schwulen Präsidenten hat? Oder die Nationalmannschaft einen schwulen Mittelstürmer?

Littmann: Es gibt im Fußball mehr Schwule, als sich viele erträumen lassen. Von den meisten weiß man es nur nicht. Es gab auch vor mir schwule Präsidenten, das wurde aber nie bekannt. Sollte Bayern einen schwulen Chef haben, der Aufschrei würde sich mittlerweile in Grenzen halten. Das regt keinen auf, ist auch kein Grund zur Aufregung. Der Mittelstürmer muss in erster Linie torgefährlich sein.

Standard: Raten Sie Kickern, sich zu outen?

Littmann: Ich empfehle es ihnen explizit nicht. Ich glaube, die Probleme, die für den Einzelnen daraus erwachsen würden, wären nicht lösbar. Da geht es um junge Menschen, die nicht die Lebenserfahrung besitzen, um so einer Situation dauerhaft standzuhalten. Ein Outing würde ihnen nicht zum Vorteil gereichen. Die Erleichterung, nicht mehr Verstecken spielen zu müssen, steht in keiner Relation zu dem, was sie öffentlich aushalten müssten.

Standard: Ist der Fußball manchmal überfordert? Tormann Robert Enke warf sich vor einen Zug, auf einmal wurde die Volkskrankheit Depression thematisiert. Es gibt auch depressive Installateure, Bäcker oder Lehrerinnen.

Littmann: Das ist Chance und Gefahr zugleich. Immerhin wurde über Depression gesprochen. Wir haben vor allem in den neuen Bundesländern extreme Auseinandersetzungen mit Rechtsradikalen. Das wird der Fußball allein nicht bewältigen können. Er ist nicht schuld, trotzdem ist er im Fokus. Weil er gesellschaftliche Phänomene sichtbar macht.

Standard: Man ist schockiert über rassistische Sprechchöre im Stadion, übersieht aber zum Beispiel in Österreich, dass immer mehr Jugendliche rechts wählen.

Littmann: Dem Fußball die Verantwortung zu übertragen, die Gesellschaft zu verbessern, ist eine komplette Fehleinschätzung. Andererseits haben die Vereine schon auch Mittel, gegen widerliche Tendenzen anzugehen. Fußballer haben ja eine starke Vorbildfunktion.

Standard: Der Fußball scheint krisenfest zu sein. Es werden Unsummen umgesetzt, die Gagen sind zum Teil obszön.

Littmann: In vielen Bereichen, etwa bei der Honorierung der Leistung, ist eine Grenze erreicht. Sicherlich nicht beim FC St. Pauli. Es wird böse Überraschungen für jene geben, die sich übernommen haben.

Standard: Gutes Theaterstück oder geiles Fußballspiel. Was würden Sie wählen?

Littmann: Ich bin mit Herz und Leidenschaft Theatermann, das ist mein Beruf, das andere ist mein Hobby. Wenn ich technisch dazu in der Lage wäre, würde ich mir das Fußballspiel auf Video aufzeichnen. Ich ginge ins Theater.

Standard: Haben Sie die Sehnsucht, geliebt zu werden - der Fußball ist ja eine riesige Bühne?

Littmann: Ich habe das Bedürfnis, respektiert zu werden, nicht geliebt. Das wäre ganz falsch.

Standard: Sie waren Hamburgs Unternehmer des Jahres 1999. Normal sagt man Künstlern nach, nicht einmal in der Lage zu sein, die Stromrechnung pünktlich zu bezahlen.

Littmann: Wahrscheinlich bin ich da untypisch. Wir führen seit 20 Jahren das erfolgreichste Privattheater Deutschlands, sind unsubventioniert, das ist ungewöhnlich.

Standard: Bringt der Fußballgott St. Pauli 2010 in die Bundesliga?

Littmann: Ich hoffe, dass der Fußballgott uns gnädig ist. (Mit Corny Littmann sprach Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 24.12. 2009)

Zur Person:
Corny Littmann (57), geboren in Münster, lebt in Hamburg. Er studierte Psychologie. Seit 1976 ist er als Schauspieler tätig, begann als Mitglied der Theatergruppe "Brühwarm" . Littmann, selbst homosexuell, trat 1979 den Hamburger Grünen bei, kämpfte gegen die Diskriminierung von Schwulen. Legendär ist seine Mitternachtsshow im dritten deutschen Fernsehen, für die Littmann (Künstlername Herr Schmidt) 1991 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. 1988 eröffnete er auf St. Pauli das "Schmidt Theater", die erfolgreichste, nicht-subventionierte Privatbühne in Deutschland. Seit 2003 ist er Präsident des kultigen Fußballklubs FC St. Pauli. (red)

 

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    St. Pauli ist das Freudenhaus des deutschen Kicks.

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