"Verstaatlichung des ORF": Anstalt "oft im Würgegriff"

23. Dezember 2009, 17:50
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Gegen Werner Mück als Chefredakteur revoltierten die ORF-Redakteure. Nun geht er auch als TW1-Chef und warnt vor der ORF-Novelle, die kaum "schlimmer" ausfallen könnte - DER STANDARD fragte

STANDARD: Haben Sie ein Deja-vu? TV-Redakteurssprecher protestierten am Wahltag des bürgerlichen Richard Grasl zum Finanzdirektor gegen Politbesetzungen.

Mück: Es ist ein bizarres Ritual: wenn ein Bürgerlicher im ORF von den Vertretern aller Parteien (!) und ohne Gegenstimme in eine Führungsfunktion berufen wird, schlagen die Räte Großalarm, nennen das "einen schwarzen Tag für die Unabhängigkeit des ORF" und faseln von "politischer Erpressung". Als vor drei Jahren mit knapper "Regenbogen"-Mehrheit die bürgerliche Generaldirektorin in die Wüste geschickt und ein SP-naher Generaldirektor bestellt wurde, liefen die Räte jubelnd durch die Gänge.

STANDARD: Die ORF-Redakteure revoltierten 2006 und warfen Ihnen als TV-Chefredakteur Zentralismus und VP-freundlichen Kurs vor. Aus der Distanz: Gibt es etwas, das Sie heute anders machen würden?

Mück: Der Anlass war die schwarz/orange Regierungskoalition und das Trommelfeuer der SPÖ. Die saß damals auf den Oppositionsbänken, wollte aber in der Zeit im Bild wie eine Regierungspartei behandelt werden. Darin wurde sie von einigen Hardlinern und Handlangern im ORF unterstützt. Ich habe ich mich dagegen gestellt und würde es heute wieder tun. Bei einer großen Koalition wäre das alles nicht passiert, niemand hätt mir VP-Freundlichkeit unterstellt und Kantinentratsch wäre nicht bis in die Hofburg getragen worden.

STANDARD:  TV-Information und Magazine wurden nach Ihrem Abgang in zwei Hauptabteilungen aufgeteilt. Nun rücken aktuelle Info und Magazinsendungen - etwa bei "Eco" - wieder aus Spargründen zusammen. Sehen Sie sich bestätigt?

Mück: Im ersten Jahr nach der "Wende" wurde in der TV-Information alles ausgegeben, was wir zuvor in sechs Sparpaketen zurückgelegt hatten. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Vor zwei Jahren habe ich im Standard geschrieben, dass die Rechnung für überbordende Strukturen noch gelegt werden wird. Heute ist es so weit. Es ging und geht eben nicht um virtuellen Zentralismus, sondern um finanzierbare Strukturen.

STANDARD: Grasl kommt - und der ORF bekommt neben 160 Millionen Euro Gebühren extra die Möglichkeit, aus TW1 einen gebührenfinanzierten Infokanal zu machen. Darauf mussten Sie in ihren drei Jahren als TW1-Geschäftsführer vergeblich warten. Enttäuscht?

Mück: Ich hatte da keine Illusionen, zumal die Prüfung der EU abzuwarten war. Selbst wenn der ORF Geld gehabt hätte, wäre das Projekt nicht vor Ende der EU-Prüfung zu starten gewesen.

STANDARD: Der Entwurf zum ORF-Gesetz hat von den Privatsendern bis "Rettet den ORF", vom Chef des Stiftungsrats bis zu den ORF-Redakteuren sind praktisch alle enttäuscht. Wie beurteilen Sie ihn?

Mück: Enttäuschung ist ein schwaches Wort angesichts der de jure Verstaatlichung des ORF. Viel schlimmer hätte es nicht kommen können. Von der Regierung befristet bestellte Juristen ohne Nachweis des medialen Sachverstandes greifen der ORF-Geschäftsführung ins Ruder und sind auskunftspflichtig an den Kanzler. Eine Schande für das, was sich hierzulande Medienpolitik nennt.

STANDARD: Wenn die Mediensprecher der Regierungsparteien Sie gefragt hätten: Was hätten Sie ihnen fürs ORF-Gesetz geraten?

Mück: Denen ist nicht zu raten, denn sie wissen längst, dass der ORF durch eine automatische jährliche Inflations-Valorisierung seiner Gebühren wirtschaftlich gesichert und von politischem Einfluss weithin befreit wäre. Natürlich bei klar formulierten und streng kontrollierten Programmaufträgen.

STANDARD:  Stets wird Regierungseinfluss auf den ORF kritisiert. Haben Sie dafür eine Lösung - oder ist er aus Ihrer Sicht kein Problem?

Mück: Politeinfluss ist immer ein Problem, wenn man ihm Folge leistet. Im ORF halten viele Kolleginnen und Kollegen erfolgreich dagegen. Einem finanziell von Parteien unabhängigen ORF wäre kaum zu drohen. Am Beispiel des "Regenbogens" haben wir erlebt, dass der ORF oft dem Würgegriff zynischer Heuchler ausgeliefert ist, wenngleich diese Herrschaften mittlerweile fast alle als Parteileichen an der Biegung des Flusses vorbeigeschwommen sind. Nachahmer finden sich allerdings immer, denn dieses Übel ist leider Teil der offenbar irreparablen Realverfassung Österreichs. (Harald Fidler, DER STANDARD; Printausgabe, 24./25./26./27.12.2009)

Zur Person
Werner Mück (64) wurde unter Generalin Monika Lindner und Kanzler Wolfgang Schüssel 2002 TV-Chefredakteur. 2006 von Alexander Wrabetz abgelöst; Geschäftsführer der ORF-Tochter TW1. Das Interview wurde schriftlich geführt.

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    "Von der Regierung bestellte Juristen greifen der ORF-Führung ins Ruder und sind auskunftspflichtig an den Kanzler. Eine Schande.": ORF-Mann Mück über das neue ORF-Gesetz unter Kanzler Werner Faymann, der hier im Bild gerade das ORF-Zentrum betritt.

  • Werner Mück
    foto: standard/fischer

    Werner Mück

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